Die Verdoppelung des bürgerlichen Bewusstseins

Dienstag 27. September 2016 von Martin

Das bürgerliche Bewusstsein innerhalb der Arbeiterklasse ist keineswegs die Folge einer sinisteren Verschwörung oder der Allmacht der Medien a la George Orwells Brave New World. Das Bewusstsein ist Folge der kapitalistischen Produktionsweise und Produktionsverhältnissen. Indem die Arbeiter ihre Arbeitskraft verkaufen, treten sie als vorgeblich unabhängige Warenbesitzer auf dem Markt. Und da die Aneignung des von ihnen geschaffenen Mehrwerts auch stattfinden kann, wenn der Preis der Ware Arbeitskraft gerecht und richtig ist, also ihrem Wert entspricht, steht der Legitimität des Wertgesetzes im Bewusstsein aller Beteiligten nichts mehr im Wege.

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Vor 100 Jahren: Dubliner Osteraufstand

Montag 26. September 2016 von Martin

By Copyright © 2006 Kaihsu Tai (Copyright © 2006 Kaihsu Tai) [GFDL (http://www.gnu.org/copyleft/fdl.html), CC-BY-SA-3.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/) or CC BY-SA 2.5-2.0-1.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.5-2.0-1.0)], via Wikimedia Commons

links: Hauptpostamt Dublin, By Copyright © 2006 Kaihsu Tai (Copyright © 2006 Kaihsu Tai) [GFDL (http://www.gnu.org/copyleft/fdl.html), CC-BY-SA-3.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/) or CC BY-SA 2.5-2.0-1.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.5-2.0-1.0)

rechts: Hinrichtungsstätte – hier wurde James Connolly erschossen, https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Kilmainham_Gaol_-_place_of_execution.JPG

Vor ziemlich genau einem halben Jahr und einem ganzen Jahrhundert fand der Osteraufstand in Dublin, Irland, statt. Im Zentrum stand das Hauptpostamt von Dublin, in dem James Connolly von der Irish Citizen Army am Ostermontag sein Hauptquartier aufschlug und das bereits am Freitag, dem 5. Tag des Aufstands, von den Briten in Brand gebombt wurde. Connolly und so gut wie alle anderen Führer des Aufstandes wurden von den Briten einem geheimen Regierungsbefehl aus London folgend sofort erschossen. Der Aufstand wurde rasch niedergeschlagen, schuf aber die Grundlage von dem – für die Iren erfolgreichen – Unabhängigkeitskrieg 1919-1921.

Interessant ist nun, dass einige Vorgänge des sogenannten „Arabischen Frühlings“ an den Kampf der Iren um Selbstbestimmung erinnert:

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Heinrich Heines Haie

Freitag 9. September 2016 von Martin

Heinrich Heine (1797-1856) repräsentiert wohl das Modernste, was Deutschlands Dichterzunft im gesamten 19. Jahrhundert hervorbracht hat. Ja, Heine nahm in der Belletristik einiges des 20. Jahrhunderts, vor allem der Periode nach 1945, vorweg. In dieser Periode geht die Belletristik – der hohen Literatur wie auch der besseren Massenware – so: Zuerst wird der Leser / die Leserin in eine eigene Welt entführt, die zwar neu und singulär ist, aber nach einer Schreibtechnik und Plot-Dramaturgie, die zu der Bestätigung führt: Ja, ich verstehe, wie ich hier sachte in die Handlung und in die fiktive Welt geführt werde. Hier ist der Romancier gefragt bzw. die Kompetenz des Romaciers. Kaum hat es sich der Leser / die Leserin gedanklich in der fiktiven Welt zurechtgefunden und wohlig eingelebt … kommt die Entfremdung, eine Wendung, die den Leser / die Leserin wieder aufrüttelt, ja sogar erschüttert, Fragen statt Antworten provoziert. Als dritten Teil dieser Dramaturgie kann der Autor / die Autorin nun eine Antwort nahelegen oder auch nicht. Aber das ist bereits beliebig – wichtig sind die beiden vorhergehenden Schritte und nach diesem Muster wurde nach 1945 Dutzendware produziert.

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Privatheit und Individuum in der Kunst

Dienstag 9. August 2016 von Martin

Die Betrachtung der Kunst als gesellschaftliches bzw. historisches Phänomen spaltet sich auf in das Thema Kunstproduktion und Kunstkonsumtion. Beide Prozesse können auseinanderfallen. Als das junge Bürgertum im 19. Jahrhundert sich der antiken Kunst zuwandte, die Nationalmuseen entstanden und mit Raubgütern aus dem Mittelmeerraum gefüllt wurden, entdeckte es in und durch die Kunst seine Individualität. Die Kunst rührte somit an dem Privatsein. Der Konsument des bürgerlichen Zeitalters ist überhaupt nur als Privatperson denkbar, auch wenn die Konsumtion in einer Masse, wie etwa bei einem Konzert, stattfindet. In diesem Fall handelt es sich um eine abgesprochene Allianz unzähliger Privatpersonen. Aber die alte und selbst die mittelalterliche Kunst entstanden überhaupt nicht aus der Hand von Privatpersonen, höchstens von Individuen, meist organisiert in Gilden („Werkstätten“). Die Privatheit ist ja überhaupt erst das Produkt der Warengesellschaft, respektive des Lohnarbeitsverhältnis. Erst hier treten Kapital und Arbeiter unpersönlich gegenüber, sie verhandeln am Markt den Preis der Ware Arbeitskraft aus. Auch wenn im Produktionsprozess sich die Arbeiter dem Kapital völlig unterordnen müssen und es mit der Freiheit des Warenbesitzes vorbei ist, so ist der Arbeiter mit Dienstende vorübergehend befreit von der Beziehung zum Arbeitgeber – jetzt ist er „privat“. Und wechselt er seinen Arbeitgeber, ist er zwar noch immer Teil seiner Klasse, tritt aber doch wieder in der Rolle der Privatperson auf, die etwas zu verkaufen hat – ihre Arbeitskraft.

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Wallanders blaße Erben

Samstag 16. Juli 2016 von Martin

Sommer- und Urlaubszeit ist auch immer Krimizeit. Mankells Wallander hatte in den 1990er Jahren der Figur des Kriminalbeamten eine neue Qualität verschafft: Er wurde menschlich. Seit Wallander hat jeder Kommissar und jeder Inspektor, der etwas auf sich hält, ein zeitgemäß kaputtes Familienleben: erwachsene Kinder, die vom rechten Pfad abgekommen sind oder zumindest die Ruinen eines Familie, die den Kriminalbemamten beschäftigen und die dieser zu einer Sinnkrise nützt. Der rationale deus ex machina der Polizei wurde in Skandinavien dreidimensional – sogar plastischer als Peter Falks Columbo aus Los Angeles. Der neue Kriminaler macht Fehler, zweifelt, ist unsicher, tastet sich vor, hat keinen Masterplan. Und: Er ist von seinem Team abhängig, auch wenn er als Persönlichkeit wie bisher ein Eigenbrödler ist: Ohne Team geht nichts, auch das ist in der Krimiszene eine Errungenschaft. Weder Maigret noch Derrick hatten mit diesen heutzutage realistischen Umständen zu kämpfen.

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Leon Trotzki und die Dialektik des Bewusstseins

Sonntag 1. Mai 2016 von Martin

Die spezifische Qualität von Trotzkis Herangehensweise bestand darin, dass dieser die Entwicklung des Klassenbewusstseins nicht als einen mechanischen Vorgang des „Hineintragens“ von „sozialistischen Bewusstsein“ in die Arbeiterklasse verstand. Denn mit dieser einseitigen Vorstellung erhebt sich sofort die Frage, wer denn hineinträgt und wie viel dabei beim Tragen verschüttet wird. Lenins Buch „Was tun?“ war in Wirklichkeit eine Polemik gegen den Ökonomismus und nicht etwas, was vermeintliche Nachfolger Lenins ein Hundert Jahre lang als Blaupause mit Erfolg verwenden konnten.

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Geniale Malerinnen (2)

Mittwoch 20. April 2016 von Martin

Paula Modersohn-Becker

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Das Elend der TTIP-Gegnerschaft (3)

Montag 11. April 2016 von Martin

“Die Frage über Freihandel und Zollschutz bewegt sich gänzlich innerhalb der Grenzen des heutigen Systems der kapitalistischen Produktion und hat deshalb kein direktes Interesse für Sozialisten, die die Beseitigung dieses Systems verlangen. Sie interessiert sie aber indirekt so weit, als sie dem jetzigen Produktionssystem eine möglichst freie Entfaltung und möglichst rasche Ausdehnung wünschen müssen; denn damit wird es auch seine notwendigen ökonomischen Folgen entfalten: (…) kurz, Verrennung der Gesellschaft in eine Sackgasse, aus der kein Entkommen möglich ist, außer durch eine vollständige Umgestaltung der der Gesellschaft zugrunde liegenden ökonomischen Struktur. Von diesem Standpunkt aus erklärte sich Marx vor vierzig Jahren im Prinzip für den Freihandel als für den geraderen Weg, also denjenigen, der die kapitalistische Gesellschaft am raschesten in diese Sackgasse führen wird.”1

1Friedrich Engels, Schutzzoll und Freihandel,1888, MEW 21, Seite 374.

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Kant und Marx?

Montag 28. März 2016 von Martin

Ulrich Ruschig, Kant und Marx, 2004 (https://www.uni-oldenburg.de/fileadmin/user_upload/philosophie/download/Kant+MarxII.pdf)

Ruschig stellt den kategorischen Imperativ in eine Linie mit dem Marxschen Begriff der Entfremdung, was der Sache nach nicht unlogisch ist. Ruschig zitiert dazu zwei Passagen:

Karl Marx, Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie. Einleitung, ,MEW 1, Seite 385 und Karl Marx, Das Kapital. Kritik der politischen Ökonomie. Dritter Band, ,MEW 25, Seite 828.

Es gibt noch eine ganze Reihe von anderen Passagen bei Marx, die den Entfremdungs-Begriff in die Nähe des kategorischen Imperativs…

„Handle so, daß du die Menschheit sowohl in deiner Person, als in der Person eines jeden anderen jederzeit zugleich als Zweck, niemals bloß als Mittel brauchst”[1]

… rücken lassen:

„Indem die entfremdete Arbeit dem Menschen Natur entfremdet, (…) sich selbst, seine eigne tätige Funktion, seine Lebenstätigkeit, so entfremdet sie dem Menschen die Gattung; sie macht ihm das Gattungsleben zum Mittel des individuellen Lebens.“[2]

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Das Elend der TTIP-Gegenerschaft (2)

Mittwoch 16. März 2016 von Martin

Die Presse:

Trumps Siegeszug: Deutsche Wirtschaft fürchtet um TTIP

Da sehen wir, welche Kräfte ins Boot des Protektionismus steigen …

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Was? (2)

Freitag 19. Februar 2016 von Martin

Epilog: Die Rolle der LEF

Osip Brik von der “Linken Kunstfront” (LEF) hatte 1923 postuliert:

“Die Dichter denken sich die Themen nicht aus, sie nehmen sie aus der sie umgebenden Umwelt. Die Arbeit des Dichters beginnt erst mit der Bearbeitung des Themas, mit dem Suchen nach den adäquaten sprachlichen Form.”xv

Positiv gesehen ist es nicht verständlich, weshalb das Thema durch die Gesellschaft gestellt wird, die Bearbeitung aber nur dem Künstler zuzusprechen ist. Im ersten Satz wertet Brik die Rolle des Künstlers als zu gering ein, der immerhin wählt dieser aus dem Arsenal an Themen, das die Umwelt bietet eines aus – in weiterer Folge ist es interessant, welches. Bei dieser Frage sind wir aber wieder beim Ausgangspunkt angelangt: Dem Verhältnis zwischen Künstler und Gesellschaft, ohne es zu beantworten. Im zweiten Satz wertet Brik die Rolle der Kunst als zu souverän, denn die Bearbeitung und die Wahl der Form ist genauso von jenen Bedingungen abhängig, wie die Wahl des Themas selbst.

Zumindest der erste Satz Aussage ähnelt jenem Trotzkis 1924, während der zweite Satz zu den Formalismus weist, wenngleich Brik den Terminus “Form” unähnlich der Formalisten verwendet. Darin kommt die Eigenart der LEF zum Ausdruck, in dem großen Missverständnis zwischen russischen Marxisten und Formalisten eine Mittelposition einzunehmen.  Éjchenbaums Spott, dass dies nur komisch sein könne, traf den Punkt. Die LEF sah die Kunst nach den Produktionsbedingungen an: Es geht in einem modernen Staat um kollektive Massenware, nicht um Handwerkskunst, es geht um Wissenschaft (zur Erforschung der Produktionsverfahren der Kunst) anstelle der

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Was? (1)

Dienstag 9. Februar 2016 von Martin

Marxistische Kunstkritik muss sich – bevor sie mit ihrem Tun beginnt – selbst zuerst einmal zwei Fragen beantworten:

Zwei Fragen

1) Welche Kunst sollen Kommunisten fordern?

2) Welcher Kunsttheorien liegt der Kritik zugrunde?

Die erste Frage ist leicht beantwortet: keine! Kommunisten sollen keine bestimmte Kunst fordern. Wenn Kommunisten die Möglichkeit haben, Kunstpolitik zu treiben, so lautet die Maßgabe: Die Kunstproduktion und die Kunstkonsumtion sollen ermöglicht werden – welche Kunst der Künstler macht, ist nicht Gegenstand der Kunstpolitik. Indes, Kunst ist kein von der allgemeinen Produktion losgelöster Bereich – weshalb auch? Das bedeutet: Genauso wie die Gesellschaft in einer nachkapitalistischen Ökonomie eine bestimmte Produktion den Vorzug vor einer anderen geben kann, kann sie sagen: Wir wollen weniger Arbeitszeit in die Kunstproduktion stecken und mehr in ein anderes Konsumgut. Oder Umgekehrt. Die Tyrannei der allgemeinen Demokratie – davor ist auch die Kunstproduktion und Kunstkonsumtion nicht gefeit. Innerhalb der bürgerlichen Produktionsweise liegt die Sache nur insofern anders, als hier die Kommunisten nicht die Verantwortung für die Ökonomie haben. In diesem Fall beschränkt sich die Kunstpolitik auf die Forderung, der Kunstproduktion und Kunstkonsumption Freiheit und volle Entfaltung zu gewährleisten.

Das war´s dann auch schon.

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Zur philosophische Strategie von Marx und Engels

Donnerstag 28. Januar 2016 von Martin

Zur philosophischen Strategie von Marx und Engels in den 1840er Jahren

Die Philosophie spielt seit der Zersetzung des Feudalismus und deren Religion die Rolle, die Wissens- und Sinn-Produktion zu leiten – angetrieben werden diese freilich nicht durch die Philosophie selbst, sondern durch die jeweilige Produktionsweise. Die Philosophie ist also bloß die Metatheorie der Wissens- und Sinnproduktion, aber andererseits auch deren zugespitzter – weil höchst möglich abstrakter – Ausdruck. Deswegen findet der Kampf unterschiedlicher Produktionswiesen auch auf dem Felde der Philosophie statt.

Für Karl Marx und Friedrich Engels war in den 1840er – als es den „Marxismus“ noch gar nicht gab, die Philosophie das erste Feld der Auseinandersetzung. Nicht weil sich dies aus dem Verhältnis von Ideologie, Bewusstsein und Sein objektiv ergab, sondern weil in den 1840er Jahren jede Auseinandersetzung auch das Felde der Philosophie berühren musste. Es geht also darum, nicht die Rolle der Philosophie objektiv zu definieren, sondern die Entstehung des dialektischen Materialismus mit dem Zugang des dialektischen Materialismus zu erklären.

Nach dieser langweiligen Intro beginnt es hier spannend zu werden

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Seven Days in New Crete

Sonntag 10. Januar 2016 von Martin

Robert Ranke-Graves (1895-1985) – er stammte mütterlicherseits von dem berühmten Leopold von Ranke ab – ist im deutschen Sprachraum eher durch sein Buch „Ich Claudius, Kaiser und Gott“ oder durch seine Deutung antiker und vorantiker Mythologie bekannt.

Graves Roman „Sieben Tage Milch und Honig“ (Originaltitel: „Seven Days in New Crete“) aus dem Jahr 1949 gehört nicht zur Weltliteratur. Indes, an einem verregneten Sonntag-Nachmittag auf der Couch mit einer gute Tasse Tee kann das Buch sehr wohl Lesevergnügen bereiten. Es ist ein hübschen Plot: Ein mittelmäßiger englischer Dichter des 20. Jahrhunderts – es sind ja seit Eric Ambler und George Orwell die mittelmäßigen Helden, die wir beim Lesen am liebsten begleiten – wird in eine zukünftige Gesellschaft, eine Art poetischen und selbstgenügsamen Urkommunismus versetzt und tritt dort gegenüber seinen neuen, ungewohnt sensiblen und kultivierten, Zeitgenossen in ein Fettnäpfchen nach dem anderen. Das ist witzig; hier wollen wir aber die Frage stellen, welche Art der Utopie wir hier vor uns haben und aus bestimmten Gründen nur haben können.

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Georg Büchner und die Enge der Welt (2)

Montag 21. Dezember 2015 von Martin

Georg Büchner und die Enge der Welt

Ein Essay von Martin Seelos


Das gesamte Werk des 1837 mit 23 Jahren jung verstorbenen Autors passt in ein Taschenbuch, die textkritische Studienausgabe in ein etwas dickeres Taschenbuch. Sein Œuvre umfasst die Bühnenwerke „Dantons Tod“, „Woyzeck“, „Leonce und Lena“, die unvollendete Novelle „Lenz“ und das politische Pamphlet „Der Hessiche Landbote“, wenn man die Gymnasialschrift „Der Heldentod der vierhundert Pforzheimer“, Jugendgedichte und seine (lesenswerten) Briefe nicht mitrechnet.

Dennoch zählt Büchner zu den bedeutendsten deutschsprachigen Autoren seit Friedrich Schiller. Und das völlig zu recht. Sein knappes Werk hat eine Dichte, die außerhalb der Lyrik selten anzutreffen sind. Indes, trotz des gängigen Lobes gegenüber Büchners Werk ist die Rezeption oft insofern missverständlich, als sie zu eng beim Text kleben bleibt. Symptomatisch dafür ist die gängige Auffassung, mit „Dantons Tod“ wäre eine bittere Polemik gegen die Revolution auf den Bühnenmarkt gekommen. Auch heute noch, im Oktober 2014, wird etwa am Wiener Burgtheater das Stück unter der Masche „Die Revolution frisst ihre Kinder“ geboten.

Büchners politische Haltung lässt sich in seiner Biographie unschwer nachlesen. Er sehnte die bürgerliche Revolution herbei, die mit feudalen Vorrechten, der Auspressung der Bauern und der Unterdrückung demokratischer Freiheiten Schluss machen sollte.

Die politischen Verhältnisse könnten mich rasend machen. Das arme Volk schleppt geduldig den Karren, woran die Fürsten und Liberalen ihre Affenkomödie spielen. Ich bete jeden Abend zum Hanf und zu den Laternen.“1

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Was kann überhaupt Kunst- und Kulturkritik?

Donnerstag 17. Dezember 2015 von Martin

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Kunstkritik ist eine Anwendung der Kulturkritik, schließt aber Elemente mit ein, die sich nicht völlig in die Analyse des Verhältnisses von ökonomischer Basis zum gesellschaftlichen Überbau erschöpfen. Anders gesagt: Für Kulturkritik genügt es, den dialektischen Materialismus anwenden zu können, für Kunstkritik muss mit der Kunst selbst ein Stück weit mitgegangen werden.

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Wer schrieb von wem ab?

Mittwoch 16. Dezember 2015 von Martin

Dostojewskij vs. Tolstoi

Sie kennen Schuld und Sühne von Fjodor Dostojewskij? Dann sind Sie mit dem wichtigsten Handlungsnebenstrang vertraut, der heruntergekommenen Beamtenfamilie, dem verantwortungslosen Nicht-Familienerhalter und seiner ausgezerten, klagenden Ehefrau.

Sie kennen Krieg und Frieden von Leo Tolstoi? Dort gibt es im 11. Teil, 33. Kapitel die analoge Episode. Nur dass hier der Beamte kein notorischer Säufer ist, aber es ist ihm immerhin egal, dass eines seiner Kinder sich noch in einem der brennenden Häuser Moskaus befindet. Wir schreiben fiktional das Jahr 1812. Es ist Herbst und Moskau von den Napoleonischen Truppen okkupiert.

Raskolnikov in Schuld und Sühne ist der Helfer der Beamtenfamilie = Pierre in Krieg und Frieden ist der Helfer der Beamtenfamilie. Raskolnikov = Pierre, das stimmt auch sonst ganz gut: Durch die Dunkelheit zum Licht sozusagen.

Und sonst kommt in beiden Werken keine Beamtenfamilie vor. Beamtenfamilie – ein durch und durch altrussischer Begriff.

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Klassik vs. Romantik

Montag 30. November 2015 von Martin

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Wie funktioniert Kulturkritik? Nun, wir nehmen zuerst einen interessanten Text. Zum Beispiel folgenden über die Beziehung Goethes zur Musik. Der Text ist nur für ein breiteres Fachpublikum interessant. Anschließend führen wir den Inhalt auf ein bestimmtes Verhältnis des gesellschaftlichen Überbaus zu den Produktionsverhältnissen zurück. Auch dazu braucht man eine Spur Fachverständnis, aber großteils „nur“ einen Zugang zum dialektischen Materialismus.

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Europa der Zäune

Montag 16. November 2015 von Martin

Das Europa der Zäune

Vor den Wiener Gemeinderatswahlen gab sich die SPÖ bis hinauf zum Kanzler und Bundespräsidenten als liberal und human, was die Flüchtlingsfrage betrifft. Das war freilich damals schon nicht ganz ehrlich, denn wer bloß als Transitland nach dem Terminkalender Angela Merkels agiert, hat nicht viel zu tun. Aber der Moment der Wahrheit kommt immer und der war präzise dann da, als Deutschland die Kontrollen an der österreichischen Grenze verschärfte. Nun kamen im Norden vielleicht einige Hundert Flüchtlinge aus Österreich nach Deutschland durch und in Spielfeld einige Tausend nach Österreich hinein. Genau in dem Moment war Schluss mit lustig und den Innenministerin sprach von einer „festen, kilometerlangen Sperre“ – um nicht Grenzzaun oder Zaun sagen zu müssen, was uns alle an Orbans Ungarn erinnern würde.

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Das Elend der TTIP-Gegnerschaft (1)

Montag 9. November 2015 von Martin

Die Sorge vieler Kulturtreibender fasst Prof. Christian Höppner, Präsident des Deutschen Kulturrates, zusammen. „TTIP ist mehr als Chlorhühnchen“, sagte Höppner. Der Abbau von Handelsschranken sei nur ein Aspekt. TTIP betreffe auch Kultur, Bildung und Wissenschaft. Das Abkommen ziele darauf, „Kultur dem wirtschaftlichen Verwertungsprozess zuzuführen“. Dabei werde nationales Recht ausgehöhlt: „Die Kulturhoheit können wir salopp gesagt in der Pfeife rauchen.““ (http://www.fnp.de/lokales/frankfurt/Wie-TTIP-die-Kultur-bedroht;art675,1679148)

Diese Meldung ging zügig durch den gesamten deutschsprachigen Blätterwald. Und sie demonstriert sehr schön, wo die Bewegung gegen TTIP mittlerweile steht.

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