Leon Trotzki und die Dialektik des Bewusstseins

Sonntag 1. Mai 2016 von Martin

Die spezifische Qualität von Trotzkis Herangehensweise bestand darin, dass dieser die Entwicklung des Klassenbewusstseins nicht als einen mechanischen Vorgang des „Hineintragens“ von „sozialistischen Bewusstsein“ in die Arbeiterklasse verstand. Denn mit dieser einseitigen Vorstellung erhebt sich sofort die Frage, wer denn hineinträgt und wie viel dabei beim Tragen verschüttet wird. Lenins Buch „Was tun?“ war in Wirklichkeit eine Polemik gegen den Ökonomismus und nicht etwas, was vermeintliche Nachfolger Lenins ein Hundert Jahre lang als Blaupause mit Erfolg verwenden konnten.

Bei dem Konzept des Hineintragen ist die Masse passiv, die Schicht der kleinbürgerlichen revolutionären Marxisten aktiv – wenngleich aktiv ohne Wirkung. In Wirklichkeit ändert sich das Bewusstsein der Massen durch große politische, kulturelle und ökonomische Erschütterungen und das kann – unterirdisch vorbereitet – so abrupt geschehen, dass das Selbstverständnis und die Routine der revolutionären Marxisten sich erst einmal umstellen muss – weniger rasch als die Stimmung der Massen sich ändert.

„Jede Partei, selbst die revolutionärste, wird unvermeidlich einen Organisationskonservatismus an den Tag legen, sonst könnte sie der notwendigen Standhaftigkeit beraubt werden.“1

„(…) ein fast allgemeingültiges Gesetz (…), daß beim Übergang von der revolutionären Vorbereitungsarbeiten zum unmittelbaren Kampf eine Parteikrise unvermeidlich ist.“2

Den ganzen Beitrag lesen »

Post to Twitter Tweet This Post

Kategorie: wissenschaft, kunst & literatur | Keine Kommentare »

Geniale Malerinnen (2)

Mittwoch 20. April 2016 von Martin

Paula Modersohn-Becker

Post to Twitter Tweet This Post

Kategorie: wissenschaft, kunst & literatur | Keine Kommentare »

Das Elend der TTIP-Gegnerschaft (3)

Montag 11. April 2016 von Martin

“Die Frage über Freihandel und Zollschutz bewegt sich gänzlich innerhalb der Grenzen des heutigen Systems der kapitalistischen Produktion und hat deshalb kein direktes Interesse für Sozialisten, die die Beseitigung dieses Systems verlangen. Sie interessiert sie aber indirekt so weit, als sie dem jetzigen Produktionssystem eine möglichst freie Entfaltung und möglichst rasche Ausdehnung wünschen müssen; denn damit wird es auch seine notwendigen ökonomischen Folgen entfalten: (…) kurz, Verrennung der Gesellschaft in eine Sackgasse, aus der kein Entkommen möglich ist, außer durch eine vollständige Umgestaltung der der Gesellschaft zugrunde liegenden ökonomischen Struktur. Von diesem Standpunkt aus erklärte sich Marx vor vierzig Jahren im Prinzip für den Freihandel als für den geraderen Weg, also denjenigen, der die kapitalistische Gesellschaft am raschesten in diese Sackgasse führen wird.”1

1Friedrich Engels, Schutzzoll und Freihandel,1888, MEW 21, Seite 374.

Post to Twitter Tweet This Post

Kategorie: To put it straight ... | Keine Kommentare »

Kant und Marx?

Montag 28. März 2016 von Martin

Ulrich Ruschig, Kant und Marx, 2004 (https://www.uni-oldenburg.de/fileadmin/user_upload/philosophie/download/Kant+MarxII.pdf)

Ruschig stellt den kategorischen Imperativ in eine Linie mit dem Marxschen Begriff der Entfremdung, was der Sache nach nicht unlogisch ist. Ruschig zitiert dazu zwei Passagen:

Karl Marx, Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie. Einleitung, ,MEW 1, Seite 385 und Karl Marx, Das Kapital. Kritik der politischen Ökonomie. Dritter Band, ,MEW 25, Seite 828.

Es gibt noch eine ganze Reihe von anderen Passagen bei Marx, die den Entfremdungs-Begriff in die Nähe des kategorischen Imperativs…

„Handle so, daß du die Menschheit sowohl in deiner Person, als in der Person eines jeden anderen jederzeit zugleich als Zweck, niemals bloß als Mittel brauchst”[1]

… rücken lassen:

„Indem die entfremdete Arbeit dem Menschen Natur entfremdet, (…) sich selbst, seine eigne tätige Funktion, seine Lebenstätigkeit, so entfremdet sie dem Menschen die Gattung; sie macht ihm das Gattungsleben zum Mittel des individuellen Lebens.“[2]

Den ganzen Beitrag lesen »

Post to Twitter Tweet This Post

Kategorie: wissenschaft, kunst & literatur | Keine Kommentare »

Das Elend der TTIP-Gegenerschaft (2)

Mittwoch 16. März 2016 von Martin

Die Presse:

Trumps Siegeszug: Deutsche Wirtschaft fürchtet um TTIP

Da sehen wir, welche Kräfte ins Boot des Protektionismus steigen …

Post to Twitter Tweet This Post

Kategorie: To put it straight ... | Keine Kommentare »

Was? (2)

Freitag 19. Februar 2016 von Martin

Epilog: Die Rolle der LEF

Osip Brik von der “Linken Kunstfront” (LEF) hatte 1923 postuliert:

“Die Dichter denken sich die Themen nicht aus, sie nehmen sie aus der sie umgebenden Umwelt. Die Arbeit des Dichters beginnt erst mit der Bearbeitung des Themas, mit dem Suchen nach den adäquaten sprachlichen Form.”xv

Positiv gesehen ist es nicht verständlich, weshalb das Thema durch die Gesellschaft gestellt wird, die Bearbeitung aber nur dem Künstler zuzusprechen ist. Im ersten Satz wertet Brik die Rolle des Künstlers als zu gering ein, der immerhin wählt dieser aus dem Arsenal an Themen, das die Umwelt bietet eines aus – in weiterer Folge ist es interessant, welches. Bei dieser Frage sind wir aber wieder beim Ausgangspunkt angelangt: Dem Verhältnis zwischen Künstler und Gesellschaft, ohne es zu beantworten. Im zweiten Satz wertet Brik die Rolle der Kunst als zu souverän, denn die Bearbeitung und die Wahl der Form ist genauso von jenen Bedingungen abhängig, wie die Wahl des Themas selbst.

Zumindest der erste Satz Aussage ähnelt jenem Trotzkis 1924, während der zweite Satz zu den Formalismus weist, wenngleich Brik den Terminus “Form” unähnlich der Formalisten verwendet. Darin kommt die Eigenart der LEF zum Ausdruck, in dem großen Missverständnis zwischen russischen Marxisten und Formalisten eine Mittelposition einzunehmen.  Éjchenbaums Spott, dass dies nur komisch sein könne, traf den Punkt. Die LEF sah die Kunst nach den Produktionsbedingungen an: Es geht in einem modernen Staat um kollektive Massenware, nicht um Handwerkskunst, es geht um Wissenschaft (zur Erforschung der Produktionsverfahren der Kunst) anstelle der

Den ganzen Beitrag lesen »

Post to Twitter Tweet This Post

Kategorie: wissenschaft, kunst & literatur | Keine Kommentare »

Was? (1)

Dienstag 9. Februar 2016 von Martin

Marxistische Kunstkritik muss sich – bevor sie mit ihrem Tun beginnt – selbst zuerst einmal zwei Fragen beantworten:

Zwei Fragen

1) Welche Kunst sollen Kommunisten fordern?

2) Welcher Kunsttheorien liegt der Kritik zugrunde?

Die erste Frage ist leicht beantwortet: keine! Kommunisten sollen keine bestimmte Kunst fordern. Wenn Kommunisten die Möglichkeit haben, Kunstpolitik zu treiben, so lautet die Maßgabe: Die Kunstproduktion und die Kunstkonsumtion sollen ermöglicht werden – welche Kunst der Künstler macht, ist nicht Gegenstand der Kunstpolitik. Indes, Kunst ist kein von der allgemeinen Produktion losgelöster Bereich – weshalb auch? Das bedeutet: Genauso wie die Gesellschaft in einer nachkapitalistischen Ökonomie eine bestimmte Produktion den Vorzug vor einer anderen geben kann, kann sie sagen: Wir wollen weniger Arbeitszeit in die Kunstproduktion stecken und mehr in ein anderes Konsumgut. Oder Umgekehrt. Die Tyrannei der allgemeinen Demokratie – davor ist auch die Kunstproduktion und Kunstkonsumtion nicht gefeit. Innerhalb der bürgerlichen Produktionsweise liegt die Sache nur insofern anders, als hier die Kommunisten nicht die Verantwortung für die Ökonomie haben. In diesem Fall beschränkt sich die Kunstpolitik auf die Forderung, der Kunstproduktion und Kunstkonsumption Freiheit und volle Entfaltung zu gewährleisten.

Das war´s dann auch schon.

Den ganzen Beitrag lesen »

Post to Twitter Tweet This Post

Kategorie: wissenschaft, kunst & literatur | Keine Kommentare »

Zur philosophische Strategie von Marx und Engels

Donnerstag 28. Januar 2016 von Martin

Zur philosophischen Strategie von Marx und Engels in den 1840er Jahren

Die Philosophie spielt seit der Zersetzung des Feudalismus und deren Religion die Rolle, die Wissens- und Sinn-Produktion zu leiten – angetrieben werden diese freilich nicht durch die Philosophie selbst, sondern durch die jeweilige Produktionsweise. Die Philosophie ist also bloß die Metatheorie der Wissens- und Sinnproduktion, aber andererseits auch deren zugespitzter – weil höchst möglich abstrakter – Ausdruck. Deswegen findet der Kampf unterschiedlicher Produktionswiesen auch auf dem Felde der Philosophie statt.

Für Karl Marx und Friedrich Engels war in den 1840er – als es den „Marxismus“ noch gar nicht gab, die Philosophie das erste Feld der Auseinandersetzung. Nicht weil sich dies aus dem Verhältnis von Ideologie, Bewusstsein und Sein objektiv ergab, sondern weil in den 1840er Jahren jede Auseinandersetzung auch das Felde der Philosophie berühren musste. Es geht also darum, nicht die Rolle der Philosophie objektiv zu definieren, sondern die Entstehung des dialektischen Materialismus mit dem Zugang des dialektischen Materialismus zu erklären.

Nach dieser langweiligen Intro beginnt es hier spannend zu werden

Den ganzen Beitrag lesen »

Post to Twitter Tweet This Post

Kategorie: wissenschaft, kunst & literatur | Keine Kommentare »

Seven Days in New Crete

Sonntag 10. Januar 2016 von Martin

Robert Ranke-Graves (1895-1985) – er stammte mütterlicherseits von dem berühmten Leopold von Ranke ab – ist im deutschen Sprachraum eher durch sein Buch „Ich Claudius, Kaiser und Gott“ oder durch seine Deutung antiker und vorantiker Mythologie bekannt.

Graves Roman „Sieben Tage Milch und Honig“ (Originaltitel: „Seven Days in New Crete“) aus dem Jahr 1949 gehört nicht zur Weltliteratur. Indes, an einem verregneten Sonntag-Nachmittag auf der Couch mit einer gute Tasse Tee kann das Buch sehr wohl Lesevergnügen bereiten. Es ist ein hübschen Plot: Ein mittelmäßiger englischer Dichter des 20. Jahrhunderts – es sind ja seit Eric Ambler und George Orwell die mittelmäßigen Helden, die wir beim Lesen am liebsten begleiten – wird in eine zukünftige Gesellschaft, eine Art poetischen und selbstgenügsamen Urkommunismus versetzt und tritt dort gegenüber seinen neuen, ungewohnt sensiblen und kultivierten, Zeitgenossen in ein Fettnäpfchen nach dem anderen. Das ist witzig; hier wollen wir aber die Frage stellen, welche Art der Utopie wir hier vor uns haben und aus bestimmten Gründen nur haben können.

Neukreta steht ungefähr auf dem technologischen Stand vor der industriellen Revolution, ist dünn besiedelt, hat aber gleichzeitig eine niedrige Geburten- und Sterberate, was an sich unplausibel wäre, wenn nicht die Dichtung eben ihre eigenen Freiheiten gegenüber dem wirklichen Leben hätte. Bestenfalls könnte man der properen Gesundheit der Leute von Neukreta zugestehen: keine Umweltverschmutzung, gesundes Landleben, Aufenthalt im Freien, vor allem auch wenig Stress, weil jeder Konflikt sanft ritualisiert gelöst wird und – falls nötig – eine kleine Portion Magie, das hilft immer. Doch wer arbeitet hier? Und für wen?

Den ganzen Beitrag lesen »

Post to Twitter Tweet This Post

Kategorie: wissenschaft, kunst & literatur | Keine Kommentare »

Georg Büchner und die Enge der Welt (2)

Montag 21. Dezember 2015 von Martin

Georg Büchner und die Enge der Welt

Ein Essay von Martin Seelos


Das gesamte Werk des 1837 mit 23 Jahren jung verstorbenen Autors passt in ein Taschenbuch, die textkritische Studienausgabe in ein etwas dickeres Taschenbuch. Sein Œuvre umfasst die Bühnenwerke „Dantons Tod“, „Woyzeck“, „Leonce und Lena“, die unvollendete Novelle „Lenz“ und das politische Pamphlet „Der Hessiche Landbote“, wenn man die Gymnasialschrift „Der Heldentod der vierhundert Pforzheimer“, Jugendgedichte und seine (lesenswerten) Briefe nicht mitrechnet.

Dennoch zählt Büchner zu den bedeutendsten deutschsprachigen Autoren seit Friedrich Schiller. Und das völlig zu recht. Sein knappes Werk hat eine Dichte, die außerhalb der Lyrik selten anzutreffen sind. Indes, trotz des gängigen Lobes gegenüber Büchners Werk ist die Rezeption oft insofern missverständlich, als sie zu eng beim Text kleben bleibt. Symptomatisch dafür ist die gängige Auffassung, mit „Dantons Tod“ wäre eine bittere Polemik gegen die Revolution auf den Bühnenmarkt gekommen. Auch heute noch, im Oktober 2014, wird etwa am Wiener Burgtheater das Stück unter der Masche „Die Revolution frisst ihre Kinder“ geboten.

Büchners politische Haltung lässt sich in seiner Biographie unschwer nachlesen. Er sehnte die bürgerliche Revolution herbei, die mit feudalen Vorrechten, der Auspressung der Bauern und der Unterdrückung demokratischer Freiheiten Schluss machen sollte.

Die politischen Verhältnisse könnten mich rasend machen. Das arme Volk schleppt geduldig den Karren, woran die Fürsten und Liberalen ihre Affenkomödie spielen. Ich bete jeden Abend zum Hanf und zu den Laternen.“1

Den ganzen Beitrag lesen »

Post to Twitter Tweet This Post

Kategorie: wissenschaft, kunst & literatur | Keine Kommentare »

Was kann überhaupt Kunst- und Kulturkritik?

Donnerstag 17. Dezember 2015 von Martin

Big brother countries.png
Big brother countries“. Lizenziert unter CC BY-SA 3.0 über Wikimedia Commons.

Kunstkritik ist eine Anwendung der Kulturkritik, schließt aber Elemente mit ein, die sich nicht völlig in die Analyse des Verhältnisses von ökonomischer Basis zum gesellschaftlichen Überbau erschöpfen. Anders gesagt: Für Kulturkritik genügt es, den dialektischen Materialismus anwenden zu können, für Kunstkritik muss mit der Kunst selbst ein Stück weit mitgegangen werden.

Falsch ist der Ansatz, Kunst nach dem politischen Standpunkt bzw. der sozialen Stellung des Künstlers zu beurteilen. Diese Methode, unter Linken und Sozialisten gerne gegenüber “proletarischer Kunst”, “revolutionärer Kunst” oder “sozialistischer Kunst” angewendet, ist als Methode nicht zu unterscheiden von der konservativen Kulturkritik – beide Varianten fokussieren nur auf die vermeintlichen politische Aussage – nicht auf die Qualität von Kunst, Erkenntnis erlebbar zu machen und soziale Tatsache eigenständig zu verarbeitet und widerzuspiegeln. Eine marxistische Kunst- und Kulturkritik sagt eben gerade nicht, welche Kunst bzw. Kultur politisch korrekt, fortschrittlich oder sonst wie erstrebenswert sei. Das ist nicht ihr Inhalt. Sie sagt dies nicht den Künstlern und schon gar nicht den KonsumentInnen, sie mokiert sich nicht über Soap-Operas, Koch- und Küchenwettbewerbe und die diversen Derivate der Big Brothers; sie sagt nicht, das früher alles besser gewesen sei – aber sie kann Soap-Operas und Big Brothers analysieren, als einen bestimmter Ausdruck des gesellschaftlichen Überbaus und einen Zusammenhang mit den Produktionsverhältnissen oder der Produktionsweise herstellen, wie dies Caudwell Anfang der 1930er Jahre mit der englischen Lyrik versuchte, deren Manifestationen er mit einem aufstrebenden, blühenden und niedergehenden Kapitalismus korrelieren lies.1 Aber dieser Versuch kann auch schief gehen, der festgestellte Zusammenhang muss schon stimmen, stimmig sein oder zumindest „gut erfunden“ sein.

An dieser Stelle sei auch ein weiteres Missverständnis ausgeräumt: Kulturkritik und vor allem Kunstkritik beschränkt sich nicht darauf, die Produktions- und Konsumtionsverhältnisse von Kunst und Kultur zu analysieren – wiewohl diese zur Kritik auch gehören. Aber Kunst- und Kulturkritik ist mehr und anders als politische Ökonomie. Sie fasst somit nicht nur den „Tauschwert“ der Kunst, sondern auch und erst recht deren „Gebrauchswert“ nach: den Inhalt. In dieser Hinsicht war Egon Friedell eigentlich ein passabler Kunstkritiker, aber ein mieser Kulturhistoriker.2

Den ganzen Beitrag lesen »

Post to Twitter Tweet This Post

Kategorie: wissenschaft, kunst & literatur | Keine Kommentare »

Wer schrieb von wem ab?

Mittwoch 16. Dezember 2015 von Martin

Dostojewskij vs. Tolstoi

Sie kennen Schuld und Sühne von Fjodor Dostojewskij? Dann sind Sie mit dem wichtigsten Handlungsnebenstrang vertraut, der heruntergekommenen Beamtenfamilie, dem verantwortungslosen Nicht-Familienerhalter und seiner ausgezerten, klagenden Ehefrau.

Sie kennen Krieg und Frieden von Leo Tolstoi? Dort gibt es im 11. Teil, 33. Kapitel die analoge Episode. Nur dass hier der Beamte kein notorischer Säufer ist, aber es ist ihm immerhin egal, dass eines seiner Kinder sich noch in einem der brennenden Häuser Moskaus befindet. Wir schreiben fiktional das Jahr 1812. Es ist Herbst und Moskau von den Napoleonischen Truppen okkupiert.

Raskolnikov in Schuld und Sühne ist der Helfer der Beamtenfamilie = Pierre in Krieg und Frieden ist der Helfer der Beamtenfamilie. Raskolnikov = Pierre, das stimmt auch sonst ganz gut: Durch die Dunkelheit zum Licht sozusagen.

Und sonst kommt in beiden Werken keine Beamtenfamilie vor. Beamtenfamilie – ein durch und durch altrussischer Begriff.

Den ganzen Beitrag lesen »

Post to Twitter Tweet This Post

Kategorie: wissenschaft, kunst & literatur | Keine Kommentare »

Klassik vs. Romantik

Montag 30. November 2015 von Martin

Johannesfranciscus-Michiels bau-des-doms-koeln-1855.jpgJohannesfranciscus-Michiels bau-des-doms-koeln-1855“ von Johannes Franciscus Michiels - http://www.muenchner-stadtmuseum.de. Lizenziert unter Gemeinfrei über Wikimedia Commons.

Wie funktioniert Kulturkritik? Nun, wir nehmen zuerst einen interessanten Text. Zum Beispiel folgenden über die Beziehung Goethes zur Musik. Der Text ist nur für ein breiteres Fachpublikum interessant. Anschließend führen wir den Inhalt auf ein bestimmtes Verhältnis des gesellschaftlichen Überbaus zu den Produktionsverhältnissen zurück. Auch dazu braucht man eine Spur Fachverständnis, aber großteils „nur“ einen Zugang zum dialektischen Materialismus.

Das Genie Goethe: Malträtiert oder unmusikalisch? Der Dichterfürst hat mittelmäßige Talente einem Genie wie Schubert vorgezogen. (…) Wer reitet so spät durch Nacht und Wind – diesen Rhythmus kann ja wohl nicht einmal verfehlen, wer Chinesisch als Muttersprache hat. Außerdem besteht doch jedes Gedicht, das etwas auf sich hält, aus Strophen. Sie geben der Poesie ihren Takt. Was sollte also schiefgehen, wenn ein halbwegs talentierter Musikant ein dieserart formvollendetes Kunstwerk einfach „in Musik setzt?“ Allerhand, befand Johann Wolfgang von Goethe. Denn die Komponisten wollten solche Verhaltensmaßregeln nicht anerkennen und erdreisteten sich, seine Gedichte zu völlig anders gearteten Klangkunstwerken zu verballhornen. Schon die Tatsache, dass viele den Strophenbau ignorierten, ärgerte Goethe. Ein Lied „durchzukomponieren“ widersprach seiner Ästhetik der Einfachheit und der „Einheit der Empfindung“. Musik sollte Gedichte „wie einströmendes Gas den Luftballon mit in die Höhe“ nehmen. (…) Der doppelte „Erlkönig“. Der „Erlkönig“ existiert freilich auf diese Weise zweimal: Einmal ist er von Goethe, das andere mal ist er, völlig verwandelt, von Schubert. So sieht es die Nachwelt. Ob dem Schöpfer zuzumuten ist, dass ihm sein Kunstwerk auf solche Weise entfremdet wird, steht auf einem andern Blatt.

Der Komponist war schon tot, als die junge Wilhelmine Schröder-Devrient Goethe das musikalische Meisterwerk vortrug. Der Dichter fand Gefallen – jedenfalls an der hübschen jungen Sopranistin; und geriet dadurch wohl in die geeignete Stimmung, seinem kongenialen musikalischen Deuter wenigsten posthum Rosen zu streuen: „Ich habe diese Composition früher einmal gehört, wo sie mir gar nicht zusagen wollte, aber so vorgetragen, gestaltet sich das Ganze zu einem sichtbaren Bild.“ (…) Für Beethoven war Zeit, immerhin, wenn auch nicht oft. In Teplitz traf man aufeinander – und Goethe bemängelt das Ungeschlachte an des Komponisten Auftreten; erkennt aber an, dass es sich bei der Musik dieses „zusammengefassten, energisch und innigen“ Mannes um höchst aufregende Hörabenteuer handle. Im Falle der Schauspielmusik zu „Egmont“ sei Beethoven sogar „mit bewundernswertem Genie in meine Intentionen eingegangen“. (…) Mozart, ja, Mozart, der Meister des „Don Giovanni“, der wäre der Rechte gewesen, kommentierte der Dichter, und Meyerbeer hätte Geschmack genug, sei aber „doch zu sehr mit italienischen Theatern verflochten“.“ (Die Presse, 07.11.2015, Wilhelm Sinkovicz)1

Die Zeitenwende 1814/15

Offensichtlich geht es um einen großen Umbruch, den Goethe (1749-1832) noch aktiv miterlebte: Den Wandel von der Klassik zur Romantik. Goethe blieb auch nach 1815 in seinem Inneren das, was ihn groß und einflussreich gemacht hat: das Sprachrohr der Weimarer Klassik – selbst als der Mainstream längst zur Romantik übergegangen war, wiewohl er sich der neuen Zeit nicht ganz verschließen konnte. Ganz typisch war sein zögerliches Verhalten gegenüber den ersten Plänen, den gotischen Kölner Dom im 19. Jahrhundert fertig zu bauen – ein Projekt das in sich geradezu das Programm der Romantik repräsentierte, der Hinwendung zur Historie als Alternative zur grundlegenden Modernisierung der Gesellschaft. Ausgerechnet 1814 (in Darmstadt) und 1816 (in Paris) wurden die spätmittelalterlichen Baupläne entdeckt schließlich Preußens König für das national aufgeladene Bauprojekt gewonnen werden.

Den ganzen Beitrag lesen »

Post to Twitter Tweet This Post

Kategorie: wissenschaft, kunst & literatur | Keine Kommentare »

Europa der Zäune

Montag 16. November 2015 von Martin

Das Europa der Zäune

Vor den Wiener Gemeinderatswahlen gab sich die SPÖ bis hinauf zum Kanzler und Bundespräsidenten als liberal und human, was die Flüchtlingsfrage betrifft. Das war freilich damals schon nicht ganz ehrlich, denn wer bloß als Transitland nach dem Terminkalender Angela Merkels agiert, hat nicht viel zu tun. Aber der Moment der Wahrheit kommt immer und der war präzise dann da, als Deutschland die Kontrollen an der österreichischen Grenze verschärfte. Nun kamen im Norden vielleicht einige Hundert Flüchtlinge aus Österreich nach Deutschland durch und in Spielfeld einige Tausend nach Österreich hinein. Genau in dem Moment war Schluss mit lustig und den Innenministerin sprach von einer „festen, kilometerlangen Sperre“ – um nicht Grenzzaun oder Zaun sagen zu müssen, was uns alle an Orbans Ungarn erinnern würde.

Die offizielle Sprachregelung lautet nun: „Geordnetes Leitsystem“ (Die Presse, 14.11.2015, Seite 7) mit einem ausziehbaren Stacheldraht im Westen Spielfelds, und der Mur östlich von Spielfeld als „natürliche Grenzbarriere“ (Die Presse, 14.11.2015, Seite 7). Das bedeutet nichts anderes, als dass gut sei, dass der Fluss Flüchtlingen mit dem Ertrinken und dem Tod drohe. Freilich spricht man dies im liberalen Europa so nicht aus. Im Euphemismus ist gerade unsere Regierung Meister: „Und auch auf österreichischer Seite werden nun Bundesheer und Polizei (inklusive Diensthunde) eingesetzt. „Das soll auch den Menschen, die dort wohnen, ein Sicherheitsgefühl geben“ sagt Ostermayer“ (Die Presse, 14.11.2015, Seite 7). Sogar Drohnen des Bundesheeres sollen zum Einsatz kommen. Und auch die österreichische katholische Kirche macht mit und bezeichnet den Grenzzaun als legitim. Was wird wohl Jesus dazu sagen, wenn dereinst Schönborn am Himmelstor anklopft? Aber vielleicht gibt es dann ja bereits dort auch einen Grenzzaun …

Jetzt wissen wir es also: Der Grenzzaun ist eigentlich für die Flüchtlinge, zu ihrem eigenen Schutz und die Diensthunde der patrouillierenden Exekutive an der Grenze sind nur zur Beruhigung. In Wirklichkeit dient beides des Abschreckung – es sollen unbedingt weniger Flüchtlinge kommen – und, falls die Abschreckung nichts hilft, der Abwehr und Zurückweisung. Das aus Sicht der österreichischen Regierung auch deswegen, weil Sloweniens Regierung bereits klar gemacht hat, dass die Flüchtlinge, die von Deutschland abgewiesen werden sollten, nicht wieder „zurücknehmen“ werde.

Den ganzen Beitrag lesen »

Post to Twitter Tweet This Post

Kategorie: Arabischer Frühling, To put it straight ... | Keine Kommentare »

Das Elend der TTIP-Gegnerschaft (1)

Montag 9. November 2015 von Martin

Die Sorge vieler Kulturtreibender fasst Prof. Christian Höppner, Präsident des Deutschen Kulturrates, zusammen. „TTIP ist mehr als Chlorhühnchen“, sagte Höppner. Der Abbau von Handelsschranken sei nur ein Aspekt. TTIP betreffe auch Kultur, Bildung und Wissenschaft. Das Abkommen ziele darauf, „Kultur dem wirtschaftlichen Verwertungsprozess zuzuführen“. Dabei werde nationales Recht ausgehöhlt: „Die Kulturhoheit können wir salopp gesagt in der Pfeife rauchen.““ (http://www.fnp.de/lokales/frankfurt/Wie-TTIP-die-Kultur-bedroht;art675,1679148)

Diese Meldung ging zügig durch den gesamten deutschsprachigen Blätterwald. Und sie demonstriert sehr schön, wo die Bewegung gegen TTIP mittlerweile steht. Wir sind nicht Befürworter des transatlantischen Handelsabkommens, aber die Reihen der Gegner repräsentieren längst keine proletarischen oder internationalistischen Interessen mehr, sondern kleinbürgerliche bis bürgerlich-nationalistische. Die weitaus größere Gefahr als TTIP ist jene, dass fortschrittliche Strömungen in dem Sumpf der Anti-TTIP-Bewegung in Richtung Provinzialismus, Staatsgläubigkeit, Josephinismus und EU-Patriotismus mitgerissen werden. Na Mahlzeit!

Herr Höppner befürchtet also, dass mit TTIP „Kultur dem wirtschaftlichen Verwertungsprozess zugeführt werden wird“. Das ist wundersam. Heute, nach rd. 30 Jahren Neoliberalismus soll plötzlich die Kultur zur Ware werden? Wo und wie lange haben Leute wie Höppner geschlafen? Wenn der Kapitalismus es bislang nicht geschafft hat, Kultur monetär zu verwerten, dann wird es auch TTIP nicht schaffen. Kapitalismus prägt immer allem den Warenstempel auf, aber dennoch existiert lebendige Kultur. Und sie existiert nicht deswegen, weil sie von Staats wegen geschützt und subventioniert wird, sondern weil sie im besten Fall gelungener Ausdruck (nicht Widerspiegelung) unserer Welt, der bestehenden Produktionsverhältnisse ist. Trifft dies das Kunstwerk so, dass etwas, was unsichtbar längst da ist, plötzlich reflexiv erlebbar wird, so setzt sich diese Kunst auf Dauer durch und verdrängt das Mediokre, auch wenn letzteres von Staats wegen geschützt ist. Immanuel Kant wurde in seinem Spätwerk durch die preußische Zensur gemaßregelt, Georg Büchner musst gar vor der großhessischen Polizei über den Rhein in das damals französische Straßburg fliehen, während private Verleger in Deutschland wie Karl Gutzkow im 19. Jahrhundert und Peter Suhrkamp im 20. Jahrhundert weit mehr zur Kulturentwicklung beitrugen als alle staatlichen Preise, Subventionen, Sprachregelungen und sonstige Regelungen zusammen.

Den ganzen Beitrag lesen »

Post to Twitter Tweet This Post

Kategorie: To put it straight ... | Keine Kommentare »

Egon Friedell´s Kulturkritik

Montag 19. Oktober 2015 von Martin

Schön langsam wird es Zeit, Methoden der Kulturkritik zu reflektieren. Deswegen sind wir ein paar mal kurz auf Christopher Caudwell eingegangen. Ein eigenes Thema ist Egon Friedell´s Kulturgeschichte der Neuzeit. An dieser Stelle soll nicht auf Friedell´s Kulturtheorie eingegangen werden – diese ist ja unschwer zu widerlegen. Anders verhält es sich mit seinen konkreten Ergebnissen. Denn hier reiht sich treffendes mit gänzlich falschen unbegrenzt aneinander.

Beginnen wir zuerst damit, wo Friedell versagte: Überall dort, wo sich eine kulturelle Differenz eigentlich auf unterschiedliche Produktionsweisen und Produktionsverhältnissen bezog und Friedell statt dem sozialem Inhalt bloß die Form, die Geste, die Mimik wahrnahm. In seinem Vergleich zwischen Friedrich II. und Josef II. zum Beispiel schneidet letzterer viel schlechter ab, im Grunde aber nur deswegen, weil der Habsburger ein humorloser Bürokrat war während der eigenwillige Hohenzoller zumindest Esprit, Witz und Selbstironie von sich gab.

Aber real gesehen stand Friedrich weit mehr unter der Fuchtel der Junker, auch wenn Friedrich dies immerhin selbst wusste. Also: In Friedrich spiegelten sich die alten, feudalen Verhältnisse um ein paar Gramm stärker wieder und in Josef um ein paar Gramm mehr der bürgerlichen Verhältnisse. Das heißt nicht, das der eine die Macht hatte, die neue Zeit aufzuhalten und der andere die Macht hatte, die neue Zeit zu beschleunigen. Aber dennoch gibt es keinen Grund, Akteuren des 18. Jahrhunderts mehr Respekt zu zollen, wenn sie – wie Friedrich – auf Seiten der feudalen Bauernleger und Schinderhannes stehen, gegenüber deren die bürgerlichen Verhältnisse ganz klar ein Fortschritt bedeutete.

Den ganzen Beitrag lesen »

Post to Twitter Tweet This Post

Kategorie: wissenschaft, kunst & literatur | Keine Kommentare »

Merkels Gratulation zu Putins Morden

Sonntag 11. Oktober 2015 von Martin

Seit Ende September 2015 fliegt Russland Kampfeinsätze in Syrien, mehr oder weniger nachrichtentechnisch unterstützt durch die USA. Das vorgebliche Ziel: Stellungen des IS.

Aber in einem Krieg, der nicht ein Dreifrontenkrieg ist, sondern überhaupt aus drei Kriegsparteien besteht, die sich gegenseitig bekämpfen, ist es keineswegs eins, weshalb die eine Partei bekämpft wird. Und so bekämpft Russland eigentlich nicht den IS, sondern unterstützt Bashar Assad. Das wiederum bedeutet, dass sich das russische Tötungsmaterial sich genauso gegen die Reste der Freien Syrischen Armee, den demokratischen Widerstand gegen Assad, richten. Also gegen Soldaten, die sowohl gegen den Folterpräsidenten Assad als auch gegen den IS kämpfen.

Russland fliegt Luftangriffe in Syrien, die sich nach eigenen Angaben gegen den IS und gegen andere “terroristische Gruppen” richten” (DiePresse.com, 9.10.2015

Dass Russland die demokratischen Rebellen gegen Assad nicht auslässt, ist dem Kalkül geschuldet, Assads Macht wiederherzustellen. Der Vorteil für Russland: Es kann seine Marinestation am Mittelmeer behalten und bekommt eine Flugwaffenbasis als Prämie dazu, sowie einen ergebenen Underdog Assad, einen Polizisten des russischen Imperialismus vor Ort.

Das hätte wiederum der Westen auch nicht ungern und schwenkte sogleich um. Merkel gab die Losung aus: Eine Lösung der Krise in Syrien ist ohne Russland nicht möglich und seitdem hallt es aus den europäischen Staatkanzlein wieder, man müsse Wladimir Putin “respektvoll behandeln”.

Der arabische Frühling begann einst als demokratische Revolution gegen die regionalen Despoten. Aber wie jede demokratische Revolution, die nicht in eine soziale übergeht, sucht sie sich die falschen Bündnispartner. Das war der Westen. Mit dieser Strategie konnte zwar Mubarak und Gaddafi gestürzt werden, aber ging nahtlos in die blutige Konterrevolution der ägyptischen Militärjunta über. Auch in Syrien scheiterte – aus demselben Grund – die demokratische Revolution. Das Ergebnis dieser Niederlagen war der Aufstieg des IS. Der IS ist nichts anderes, als der Schimmelpilz am Leichnam der demokratischen Revolution.

Nun kommt das letzte Kapitel bevor der Vorhang wieder fällt. Genauso wie der Westen schließlich die Militärs in Kairo ihr blutiges Handwerk tun ließt, winkt jetzt der Westen Russlands Militärjets durch, um die verbliebenen Reste der demokratischen Revolution unter dem Vorwand, nur gegen den IS vorzugehen, kalt zu machen.

Für den Westen ist eine Friedhofsruhe in der Region doch komfortabler, als der Lärm der demokratischen Revolution. Es sind die Großmächte, gleich welcher Himmelsrichtung, die den Menschen vor Ort die Freiheit nehmen, übrigens auch so in der Ukraine. Es ist die Epoche der reaktionären Heiligen Allianz wie sie 1815 folgte.

Seit Ende September 2015 fliegt Russland Kampfeinsätze in Syrien, mehr oder weniger nachrichtentechnisch unterstützt durch die USA. Das vorgebliche Ziel: Stellungen des IS.

Aber in einem Krieg, der nicht ein Dreifrontenkrieg ist, sondern überhaupt aus drei Kriegsparteien besteht, die sich gegenseitig bekämpfen, ist es keineswegs eins, weshalb die eine Partei bekämpft wird. Und so bekämpft Russland eigentlich nicht den IS, sondern unterstützt Bashar Assad. Das wiederum bedeutet, dass sich das russische Tötungsmaterial sich genauso gegen die Reste der Freien Syrischen Armee, den demokratischen Widerstand gegen Assad, richten. Also gegen Soldaten, die sowohl gegen den Folterpräsidenten Assad als auch gegen den IS kämpfen.

Russland fliegt Luftangriffe in Syrien, die sich nach eigenen Angaben gegen den IS und gegen andere “terroristische Gruppen” richten” (DiePresse.com, 9.10.2015)

Dass Russland die demokratischen Rebellen gegen Assad nicht auslässt, ist dem Kalkül geschuldet, Assads Macht wiederherzustellen. Der Vorteil für Russland: Es kann seine Marinestation am Mittelmeer behalten und bekommt eine Flugwaffenbasis als Prämie dazu, sowie einen ergebenen Underdog Assad, einen Polizisten des russischen Imperialismus vor Ort.

Den ganzen Beitrag lesen »

Post to Twitter Tweet This Post

Kategorie: Arabischer Frühling | Keine Kommentare »

Geniale Malerinnen (1)

Sonntag 4. Oktober 2015 von Martin

Angelika Kauffmann - Self Portrait - 1784.jpgMalerei des 18. Jahrhunderts

Angelika Kauffmann - Self Portrait - 1784“ von Angelika Kauffmann - Own Work, Photo taken by Cybershot800i in the Neue Pinakothek, Munich.. Lizenziert unter Gemeinfrei über Wikimedia Commons.

Mit der Kunst des 18. Jahrhunderts verbinden wir üblicherweise weniger Höhepunkte der europäischen Malerei, als jene der Musik. Immerhin war es das Jahrhundert Händels, Bachs, Haydns, Glucks und Mozarts. Auch das geschriebene Wort brillierte, zumindest durch die Feder der französischen Aufklärung, Lessings und Kants und zu Wende des 19. Jahrhunderts durch Schiller und Goethe. Die Malerei hingegen bleib ohne wirkliches Genie. Das zauberhafte 15. Jahrhundert, das klassische 16. Jahrhundert, immerhin noch eine Spur der Renaissance im Manierismus und selbst noch im niederländischen Barock des 17. Jahrhunderts … von all dem fand sich im 18. Jahrhundert nichts mehr. Seltsam nüchtern und säkular, verschlafen und fade, gänzlich unheroisch – war doch war die Malerei des 18. Jahrhunderts vielmehr als die Musik und die Dichtkunst der sensible und präzise Vorbote des bürgerlichen Zeitalters:

Die Privatheit und die Individualität, nicht eines Heros, sondern jedermanns, der fähig ist, am Geschäftsleben teilzunehmen; Privatheit und Individualität als Produkt des allgemeinen Marktes, der gesellschaftlichen Produktion bei gleichzeitig privater Aneignung des Profits. Diese Privatheit und Individualität atmen die Portraits des 18. Jahrhunderts, die wie Fotografien in Auftrag gegeben wurden.

Übrigens: Einige der besten in der Malerei des 18. Jahrhunderts waren Frauen: Angelika Kaufmann, Adélaïde Labille-Guiard, Élisabeth Vigée-Lebrun.

Post to Twitter Tweet This Post

Kategorie: wissenschaft, kunst & literatur | Keine Kommentare »

Die Weimarer Klassik

Montag 28. September 2015 von Martin

Johann Gottfried Herder 2.jpg

"Johann Gottfried Herder 2" by Anton Graff - http://museum-digital.de/nat/index.php?t=objekt&oges=917. Licensed under Public Domain via Wikimedia Commons.

Friedell (1878-1938) preist die Abneigung der Weimarer Klassik und ihrer Vorläufer gegenüber jeglichen Nationalgefühl. Er zitierte Lessing, Herder, Goethe, Schiller und Lichtenberg.

Lessing sagt: “Ich habe von der Liebe des Vaterlandes keinen Begriff, und es scheint mir aufs höchste eine heroische Schwachheit, die ich recht gerne entbehre.” Herder fragt: “Was ist die Nation?”, und antwortet: “Ein großer ungejäteter Garten voll Unkraut, ein Sammelplatz vom Torheiten und Fehlern wie von Vortrefflichkeit und Tugend.” (Egon Friedell, Kulturgeschichte der Neuzeit, 1927 (2009), Seite 827.)

Friedell lobte diesen Kosmopolitismus. Aber Vorsicht, auch wenn uns die zitierten Aussagen heute sympathisch scheinen, wie auch Friedells Haltung, so können sie nicht aus heutiger, sondern nur aus der Perspektive des 18. Jahrhunderts beurteilt werden. Und der Kosmopolitismus des 18. Jahrhunderts ist nicht dasselbe wie der proletarische Internationalismus.

In Wirklichkeit spiegelte sich darin die Haltung der Weimarer Klassik wider, nicht das Programm des aufstrebenden Bürgertums, sondern das Programm des Bürgertums, das eine Allianz mit dem Adel und dessen partikularistischen Vorrechten einging. Und das wiederum war eine spezifisch deutsche Spezialität, weil Deutschland von den Produktionsverhältnissen und der Produktionsweise weiter zurückgeblieben war als Frankreich, die Niederlande und England. Ja, die deutsche Kleinstaaterei, die bedeutete, vom Wohlwollen eines Kleinfürsten abhängig zu sein, spiegelt sich direkt in Herders Begriff vom “Garten” wieder.

Den ganzen Beitrag lesen »

Post to Twitter Tweet This Post

Kategorie: wissenschaft, kunst & literatur | Keine Kommentare »

Christopher Caudwell (3)

Freitag 18. September 2015 von Martin

“Ist Poesie irrational?” fragt Caudwell und bezieht sich auf folgende Rationalität:

Mit “rational” meinen wir die Übereinstimmung mit der Ordnung, worauf sich Menschen einigen, wenn sie in der Umwelt stehen” (Bürgerliche Illusion und Wirklichkeit, Ullstein Seite 128)

Caudwell zeigt hier wie auf Seite 7 eine kleine Abweichung vom Materialismus in Richtung Soziologie, wie er dies auch auf Seite 7 derselben Ausgabe offen ausspricht:

Das konkrete Leben ist kein klarer Kristall. In jedem Augenblick verrichten die Menschen unterschiedliche Dinge und müssen deshalb miteinander in Beziehung treten. Das Studium dieser menschlichen Beziehungen in allgemeiner Form ist die Aufgabe der Soziologie.

Freilich schmälert dies nicht die Reichhaltigkeit seines Versuchs einer marxistischen Kunstkritik. Ein anderer Punkt ist weitaus folgenreicher. Caudwell bezieht die englische Lyrik auf den aufstrebenden, den reifen und den niedergehenden Kapitalismus. Letzteres ist nicht ganz unproblematisch, aber an anderer Stelle bezieht er die Kunstform – wir finden, ganz richtig – auf die Eigenschaft des Kapitalismus ständig die Produktionsmitteln zu revolutionieren. Den Unterschied zur Kunst im Feudalismus trifft er damit gut.

Post to Twitter Tweet This Post

Kategorie: wissenschaft, kunst & literatur | Keine Kommentare »