Naum Korschwawin

Martin am 12. Juni 2017 um 09:22

„Es versteht sich, daß eine solche Lyrik auch ihre Zeit widerspiegelt, doch geschieht das zumindest irgendwie beiläufig.“ (Naum Korschawin, Versuch einer poetischen Autobiographie, 1968. In: Kontinent Nr. 8, 1978, Seite 5)

„Versuche allerdings, eine ungetrübte Harmonie im Sinne der russischen Adelsdichtung des 19. Jahrhunderts wiederzubeleben, sind Historismus, sind gekünstelt, verraten geistige Kapitulation und eine Gleichgültigkeit, die wie jene Gleichgültigkeit eines von der Welt unberührten Gefühls auf einem übersteigerten, unergiebigen Wertbegriff nicht einmal der eigenen Persönlichkeit, sondern im Grunde genommen des eigenen Organismus basieren.“  (Naum Korschawin, Versuch einer poetischen Autobiographie, 1968. In: Kontinent Nr. 8, 1978, Seite 9)

„Meine Vorstellung von Dichtkunst war geprägt durch jene von Majakowski in der Poesie ausgelöste Revolution (…)“ (Naum Korschawin, Versuch einer poetischen Autobiographie, 1968. In: Kontinent Nr. 8, 1978, Seite 10)

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Was? (3)

Martin am 12. Juni 2017 um 08:51

Boris I. Arvatov, Poetische und praktische Sprache (Zur Methodologie der Kunstwissenschaft), 1923. In: Hans Günther (Hrsg.), Marxismus und Formalismus, 1973, Seite 99-115.

“Die Grundidee der Produktionsbewegung in der Kunst besteht darin, daß in dem Maße, wie die Kollektivierung der Gesellschaft voranschreitet, das künstlerische und das sozial-utilitäre Schaffen zusammenfließen werden. (…) Gleichzeitig jedoch sind die Vertreter der Produktionskunst Anhänger der sogenannten Formalen Methode in der Kunstwissenschaft, insbesondere der Literaturtheorie. Gerade die Formale Methode hat die die “Gegensätzlichkeit der Gesetze der poetischen und der praktischen Sprache” zum Prinzip erhoben. (…) Besonders schädlich wirkt sich die gegenwärtige Behandlung dieser  Frage auf die Arbeit der proletarischen Schriftsteller auf, die eine Theorie der künstlerischen Form dringend notwendig haben (…).” (Seite 99).

Der Autor differenziert zwischen drei Richtungen, Ejchenbaum,  Slovskij, Brik (OPOJAZ):

“Es entwickelt sich die formal-soziologische Methode, die unmittelbar auf dem Boden des Marxismus steht.” (Seite 101).

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Martin Walser und das Familienleben

Martin am 11. Juni 2017 um 20:46

Als Sujet ist das Familienleben in der modernen Belletristik noch immer präsent, am meisten in der Form, dass die jungen Erwachsenen mit den Eltern abrechnet oder als gereifter Mensch sich noch einmal mit der eigenen Kindheit und deren Weggabelungen für das bereits verlebte Leben beschäftigt oder die eingefahrene Beziehung zu den alten Eltern doch noch einmal auflockern will. Ebenfalls verbreitet ist die Rolle der Frau zwischen Mutter und Beziehungsmensch oder die Rolle des Mannes als Beziehungsmensch. Was hingegen Seltenheitswert hat, ist das Sujet des Mannes als Vater. Und zwar des ganz normalen Vaters und Berufstätigen, der mit Kindern zu tun hat. Wir lesen in der Anselm-Kristlein-Trilogie von Martin Walser:

„Fritz und Dietlinde wurden angeboten, uns zu folgen, dann führten mich die drei, die ich als meine eigenen anzusehen hatte, wie einen Gefangenen, wie eine Beute, auf die ich stolz sein durfte (durfte ich das?) nach oben.“ (Martin Walser, Halbzeit, 1960, 1981, Seite 238)

Es geht nicht nur um die Beziehung zu den eigenen Kindern, sondern auch zu den Freunden der eigenen Kindern, den Nachbarskindern …

„Also marsch Kinder, klammert euch nicht aneinander auf euren Spielplätzen! Das Leben findet in Wohnungen statt. Und je älter ihr werdet, desto mehr Familien legen ihre immer mehr als zehnfingrigen Hände auf euch. Der liebe olivene Fritz schien das überhaupt nicht zu begreifen. Er ging nicht gleich die Treppe hinauf. Er schaute Alissa mit runden Augen an und stand noch so, als unsere Türe einklinkte, um ihm und mir zu verkünden: damit hat sich nicht nur eine Türe geschlossen, sondern eine Familie gegen die Angriffe unschuldiger Kinder und böswilliger Erwachsener zu verteidigen. Wahrscheinlich stand Fritz noch eine Weile draußen und schaute die Tür an, dieses böse Werkzeug der Erwachsenen.“  (Martin Walser, Halbzeit, 1960, 1981, Seite 242-243)

Walser zeichnet nicht nur ein Beziehungsgeflecht der Familie, sozusagen ihre innere Struktur, sondern auch die Abgrenzung der Kernfamilie gegenüber dem Rest der Gesellschaft. In letzterem Sinne geht es um die Rolle, die die Kernfamilie im Kapitalismus einnimmt. Und das ist eigentlich ein Sujet, das in die Rubrik Realismus passt. Dazu muss zweierlei bemerkt werden. Erstens hat der literaturhistorische Begriff „Realismus“ nichts mit realistischer Darstellungsform zu tun. Gerade Walser wurde ja von der kleinbürgerlichen deutschen Literaturkritik gerügt, eine unechte oder künstliche Sprache zu pflegen, keinen graden Satz, der zu einem geraden Gedanken eines geraden Leben passt, zu schreiben. Zweitens beziehen wir die literaturhistorischen Begriffe „Klassik“, „Romantik“ und „Realismus“ nicht nur auf bestimmte mittlerweile längst verflossene Epochen der deutschen Literatur. Der Witz ist, dass der Begriff „historisch“ nicht nur im Sinne von chronologisch verwendet werden kann,  sondern in dem Sinne, dass ein bestimmter Typus der gesellschaftlichen Beziehung des Künstlers zu der Gesellschaft damit gefasst wird.

Also: In der Klassik manifestiert sich auch die Belletristik der Aufklärung, als die Bourgeoisie noch den Anspruch hatte, im Kampf gegen den alten Staat der feudalen Vorrechte Menschheitsinteressen statt  Klasseninteressen zu verfolgen. Das entsprach ganz dem Klassenbündnis zwischen Kleinbürgertum und Bourgeoisie. Wenn wir dies verallgemeinern: Die gerade fortschrittliche Klasse hat der gesamten Menschheit etwas anzubieten und die Klassik fasst diese Moral in der Dichtkunst aus. Es kommt nicht von ungefähr, dass die von der sozialistischen Bewegung inspirierte Literatur, sagen wir in dem halben Jahrzehnt von 1880 bis 1930, positive Anleihen bei der deutschen Klassik nahmen. Auch die marxistische Literaturkritik dieser Zeit – vgl. etwa die Arbeiten von Franz Mehring – bezog sich positiv, wenn auch kritisch, auf die Klassik und der Stil der Propaganda der deutschen Arbeiterbewegung wenngleich unkritisch ebenfalls.

Die Romantik hingegen folgte einem ganz anderen Muster. Sie bezog sich zwar ebenfalls auf den Menschen und nicht auf eine bestimmte Klasse, machte aber ansonsten das Gegenteil von der Klassik: Sie verschleierte den Kampf gegen den alten Staat der feudalen Vorrechte und bot stattdessen eine fiktive Identifikation mit der Vergangenheit bzw. eine Identifikation mit der fiktiven Vergangenheit. Auch dieses Modell ist nicht auf die „Romantik“ des Beginns des 19. Jahrhunderts beschränkt, sondern findet sich mit politisch konservativer Intention noch oft im später 19. Jahrhundert und im 20. Jahrhundert. Eine Stellung als Romantiker nahm zum Beispiel Leo Tolstoi ein, der meines Erachtens nach zu Unrecht dem Realismus zugerechnet wird und später auch Alexander Solschenyzin. Aber auch an das Regime angepasste Literatur in der UdSSR hatten mitunter eine gute Portion Romantik inne, was eine eigenartige Klammer zusammen mit Teilen des Samisdat ergab …

Kommen wir nun zum „Realismus“: Hier haben wir keinen klassenübergreifenden Anspruch mehr vor uns. Die Stellung zur Weltgeschichte, zur Befreiung oder zu Unterdrückung der Menschen  bestimmt nicht mehr das Weltgefühl, das in der Literatur zum Ausdruck kommt. Vielmehr geht es um die Ästhetik des Eigenen, der eigenen Klasse. Aber nicht das Eigene als Mystik, das die Romantik auch kannte; nicht um das falsche oder gefälschte Eigenen, sondern tatsächlich um die eigene Klasse. Insofern Realismus – nicht wegen der Darstellungsform, die zumindest eine große Bandbreite von Formen umfassen kann. Auch wenn Martin Walser nicht nur tatsächlichen Kapitalisten seine Seele borgt und seine Feder widmete, sondern allen möglichen Figuren … so sind es doch Figuren, die zur Gänze in den kapitalistischen Eigentumsverhältnissen verankert sind. Die Eigentumsverhältnisse stellen den Kompass bzw. den Magneten für den Kompass her, der der ansonsten oberflächlich so wirren, erfundenen und malerischen Walserischen Welt seine Ausrichtung gibt. Walser war der Realist der bürgerlichen Gesellschaft der deutschen Nachkriegszeit. Ohne Mythen zu bedienen wie etwa Grass, aber auch  und ohne Kritik, selbst wenn Walser selbst sehr wohl zur kritischer Analyse fähig war. Realismus ist unkritisch und Realismus ist unverlogen.

Nur unter dieser Konstellation gelang Walser das Sujet der Familie so gut.

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Das Ende der Klassik als Ende der Aufklärung (1)

Martin am 16. Mai 2017 um 19:04

Manfred Windfuhr, Heines Fragment eines Schelmenromans, 1975:

Windfuhr an der Kritik gegenüber Heines Prosa:

“Mit einem Wort: es fehlte ihnen die geforderte Einheitlichkeit und die Würde des ästethischen Gegenstands und Stils. Die Grundsätze, von denen aus solche Einwände erhoben wurden, waren die der klassizistischen Ästhetik.” (Heinrich Heine, Aus den Memoiren des Herren von Schnabelewopski, 1834, 1890, 1967, 1981, Seite 71)

Das ist korrekt. Und eine ähnliche Kritik findet sich sogar noch gegenüber Martin Walser:

http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/autoren/martin-walser-zum-90-geburtstag-14920329.html

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Martin Walser wurde unlängst 90

Martin am 12. April 2017 um 13:24

Martin Walser und die deutsche Nachkriegsliteratur

Die deutschsprachige Belletristik hatte ihre historischen Bezüge, die sie gleichsam als absoluten Nullpunkt nahm. Diese waren zuerst 1918, dann 1945, dann 1989. Die „deutsche Nachkriegsliteratur“ hatte ihren Bezugspunkt 1945; als Jahr Null sozusagen, nach der Katastrophe der Naziherrschaft, des Holocaust und des verlorenen Krieges. Nun konnte es nur noch anders vorwärts gehen. Die Bonner Republik entstand. An sich hatte die Bonner Republik einige Besonderheiten, wie den Verlust einer realen Hauptstadt – alle Großstädte der BRD waren mittlere Großstädte und bekamen Sitz irgendeiner Behörde, wie Karlsruhe zum Beispiel. Die Dezentralisation bekam eine einmalige historische Chance. Nach 1989 wendete sich der Bezugspunkt und nun stand bereits mehr die DDR als Unrechtsstaat im Fokus und die Moral der Belletristik diente eher dazu, Deutschland als „groß“ wieder normal sein zu lassen. Das zeigte sich deutlich bei der Forderung der Künstler nach der Beteiligung Deutschlands bei Kriegseinsätzen ab den 1990er Jahren. Doch das ist ein eigenes Thema und das Thema „deutsche Nachkriegsliteratur“ geht nicht von 1989, sondern von 1945 aus.

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About Schmidt

Martin am 2. März 2017 um 21:57

„About Schmidt“ (2002, Regie: Alexander Payne) ist der vielleicht stärkste Film mit Jack Nicholson, wenngleich nicht jener, in der Jack Nicholson am stärksten als JN brillierte. Aber als Film ist „About Schmidt“ cineastische Weltliteratur nach einem Roman von Louis Begley und JN hat sich als Warren Schmidt optimal eingefügt. Schmidt geht als angesehener Versicherungsmathematiker einer großen Firma in Pension. Nunmehr als Rentner merkt Warren, dass er von der Firma bald vergessen sein wird – eigentlich die Widerlegung der Reden der Kollegen bei seiner Verabschiedungsfeier. Er verbringt jetzt mehr Zeit mit seiner Frau und merkt dabei, dass diese ihm eigentlich fremd geworden ist. Seine Frau stirbt unerwartet. Auch die Trauerfeier wird als Reigen der Konvention der Bekannten – es sind eigentlich keine Freunde – erlebbar. Dann kommt die Negation dieser Konstellation: Warren mit einem Wohnmobil auf, nun kommt eine Spur wenig typisch amerikanisches Roadmovie dazu. Immerhin versucht er sein Leben zu ändern, aus Gewohnheiten auszubrechen, er sucht Plätze der seiner eigenen Kindheit auf, und ins Museum. Er ist gegen die Hochzeit seiner einzigen Tochter und versucht dagegen zu intervenieren. Vergeblich. Warrens Neuaufstellung gelingt nicht, er bleibt im Ich zersplittert und kann sich selbst nicht leben, obwohl er Zeit und materielles Auskommen als Voraussetzung hätte. Ein ganzes Leben der Konvention gefügt – das lässt sich nicht einfach abschütteln. Die Negation scheitert zwar, führt aber nicht zu der Ausgangslage zurück, sondern zu einem Nebenweg, als er die Zeichnung eines Kindes aus Afrika erhält, das er seit seiner Pensionierung mit Geld unterstützt. Die vielen Briefe Warrens an Ndugu, die eigentlich eine Art Tagebuch des halbherzigen Kampfes gegen die eigene Entfremdung darstellten, konnte der Adressat gar nicht lesen. Aber das Blatt Papier aus Afrika zeigt ein Kind, das einen Erwachsenen die Hand gibt. Erst hier, in der Betroffenheit und Rührung über die Unmittelbarkeit und Voraussetzungslosigkeit des Kindes beginnt der Neuanfang von Warren Schmidt und hier endet folgerichtig der Film. Inhaltlich ist der neue Lebenssinn als Unterstützer eines Kindes in Tansania eine reformistische Sentimentalität, aber dass sich einfach ein neuer Nebenweg außerhalb der Disposition und dessen Negation auftut, ist eine richtige Lösung.

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Tolstoi und der Realismus in der Literatur

Martin am 4. Februar 2017 um 10:45

Welche Bedeutung hat die Dualität der Erzählebenen bei Tolstoi? Wir haben einerseits die historisch reale Ebene, den Krieg, die Schlachten bei Borodino und an der Beresina, die Aufgabe Moskaus (zuerst auf Seiten Russlands, dann auf Seiten Frankreichs) und so weiter. Auf der anderen Seite haben wir die fiktive, epische Ebene: Drei Familien im Zentrum der Handlung, die Rostows, die Beschukows und dann die Pierres. Der Realismus als Richtung der Literaturgeschichte lebt ja nicht dadurch, dass alles realistisch geschildert wird oder echt nacherzählt wird im Sinne einer Akkuratesse. Der Realismus lebt davon, das private bürgerliche Leben als sinnvolle Geschichte zu erzählen. Er ist wie ein Spiegel, in dem der Kapitalist frühmorgens blickt und sich zufrieden sagt: Ja, das bin ich und es ist gut so. Fern ist die Zeit, in der sich die Bürgerlichen Rechenschaft über ihre reale Rolle in der Geschichte abzulegen versuchten – die Klassik – und nicht ganz so fern ist die Zeit, wo sie dies wieder bleiben ließen und stattdessen die Vergangenheit auf Verklärung ihres Jetzt heranzogen (die Romantik).

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Verunglückte Dialektik

Martin am 3. Februar 2017 um 13:17

„Wer über den Faschismus spricht, darf über das EU-Konkurrenzregime nicht schweigen!“ – so die Friedenswerkstatt. Dieser Slogan lehnt sich an den alten an, der da lautet: „Wer über den Faschismus spricht, darf über den Kapitalismus nicht schweigen!“, ein Slogan, der Sinn machte, auf die Wurzeln des Faschismus im Kapitalismus hinzuweisen und den bürgerlichen Antifaschisten anzuregen, nicht beim halben Weg stehen zu bleiben.

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Kunst und das allgemein bürgerliches Bewusstsein (6)

Martin am 11. Januar 2017 um 18:52

Für Produktionsweisen, die auf äußeren Zwang gegenüber den Produzenten, deren Mehrarbeit angeeignet werden soll, basieren, stellt sich die Frage des Bewusstseins der Produzenten anders als für Produktionsweisen, die nicht auf äußeren Zwang beruhen, wie eben der Kapitalismus oder der Sozialismus. In der Antike brauchte der Sklavenbesitzer sich nicht die Frage nach dem Bewusstsein seiner Sachen zu stellen, in dem europäischen und japanischen Mittelalter war das Bewusstsein bereits von größerer Bedeutung und das bildete den Stoff des Christentums bzw. des Buddhismus als moralische Assistenz gegenüber dem Waffenmonopol der Feudalherren. Das Bewusstsein der persönlichen Abhängigkeit und Unterordnung wurde durch die tatsächliche Unterordnung reproduziert, aber weit schwächer als die Reproduktion des Bewusstseins der Warengleichheit und Warenfreiheit im kapitalistischen Produktionsprozess.

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Entfremdung, positiv formuliert

Martin am 8. Januar 2017 um 13:26

Der Begriff “Entfremdung” ist überaus fruchtbar, weil geradezu intuitiv erfassbar. Aber wer etwas genauer hinsieht, wird bald merken, dass es leichter ist, etwas als “dem Menschen fremd” zu definieren, als das zu bestimmen, von was weg die Entfremdung losgeht. Was ist also nicht dem eigentlichen Menschen fremd?

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Die gute alte Zeit

Martin am 6. Januar 2017 um 14:44

Wären die Menschen frei – nicht von der Gesellschaft, weil die Menschen ohne Gesellschaft nicht denkbar sind – sondern frei von ihrer geschichtlich geprägten Rolle (Stichwort: Produktionsverhältnisse), so fänden sie auch zu der zu ihnen gerade passenden Form, die heute Nostalgiker, Linke wie konservative Kulturkritiker so schmerzlich vermissen.

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Die Last der Klassik

Martin am 31. Dezember 2016 um 19:25

Wenn Kunst in einer Warengesellschaft hergestellt wird, prägt diese die Form mit. Zumindest bis zu einem bestimmten Grade. Haben The Beatles Ende der 1960er Jahre ihre klassische Form längst erreicht, trennt sich die Formation. Yoko Ono fungierte hier bloß als Katalysator. Die Trennung ersparte die Peinlichkeit, die eine altgewordene Formation – wie etwa die der The Rolling Stones – zwangsläufig mit sich bringt. Aber die Trennung war auch deswegen gut möglich, weil die bislang hergestellten Kunst-Produkte finanziell genug einbrachten. Dennoch ist hier der Künstler von seiner sozialen Stellung her Kleinbürger. Anders die Stellung von Matt Groening und den anderen Machern der Kultserie Die Simpsons. Sie sind weit mehr Angestellte der Industrie, in diesem Fall von Fox. Und deswegen können sie leider nicht Schluss machen, auch wenn der Zenit der Folge bereits längst überschritten ist. Hier ist gerade der große Erfolg als Ware das Hindernis für weitere Qualität als Kunst.

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Vor 200 Jahren

Martin am 18. Dezember 2016 um 23:05

Vor 200 Jahren, also 1816, komponierte Beethoven die Nr. 28 seiner Klaviersonaten. Dieses Opus 101 markiert den Beginn des Spätwerks Beethovens. Das Spätwerk Beethovens gab der Musik- und Kulturgeschichte Rätsel auf, denn außer der darin zum Trage kommenden Verinnerlichung verbindet dieser Werkabschnitt nichts mit der auf die Klassik folgenden Romantik. Die Verinnerlichung der Romantik ist indes bereits selbst Form und als Inhalt nur eine Anekdote. Bei dem nun taub werdenden Meister ist die Verinnerlichung nicht Anekdote, nicht Augenzwinkern, nicht Subtext, sondern Haltung, die zum Ausdruck kommt.

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Das allgemein bürgerliche Bewusstsein (5)

Martin am 3. Dezember 2016 um 10:00

Der Austausch zwischen Ware Arbeitskraft und vergegenständlichter Arbeit (hier in Form von Lohn):

„Das lebendige Arbeitsvermögen gehört sich selbst an und disponiert durch den Austausch über seine eigne Kraftäußerung. Beide Seiten stehn sich als Personen gegenüber. Formell ist ihr Verhältnis das gleiche und freie von Austauschenden überhaupt. Daß diese Form Schein ist und täuschender Schein, erscheint, soweit das juristische Verhältnis betrachtet wird, als außerhalb desselben fallend.“ (Grundrisse, 377)

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Das allgemein bürgerliche Bewusstsein (4)

Martin am 1. Dezember 2016 um 20:00

Das Bewusstsein ist nicht bloß eine Illusion, sondern basiert auf den realen Produktionsverhältnissen:

“Die wesentlichen Bedingungen sind in dem Verhältnis, wie es ursprünglich erscheint, selbst gesetzt: 1. auf der einen Seite das Vorhandensein des lebendigen Arbeitsvermögens als bloß subjektiver Existenz, getrennt von den Momenten seiner objektiven Wirklichkeit;

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Das allgemein bürgerliche Bewusstsein (3)

Martin am 29. November 2016 um 19:59

Das allgemeine bürgerliche Bewusstsein basiert auf dem Produktionsverhältnis, nicht auf der Produktionsweise; auf den Austauschprozess, nicht auf den Produktionsprozess. So ungefähr, grob gesprochen. Zuerst scheint es auf gleicher Augenhöhe zuzugehen: Das Kapital zahlt den Lohn, der Lohn ist der Preis der Ware Arbeitskraft. Zwei Vertragspartner, miteinander ins Geschäft kommen. Dem entspricht das allgemein bürgerliche Bewusstsein.

Freilich, wir wissen: Auch wenn der Lohn dem Wert der Ware Arbeitskraft entspricht, der Arbeiter also nicht geprellt wird, ausgebeutet wird er dennoch, da er mehr arbeitet, als die Reproduktion seiner eigenen Arbeitskraft. Er schafft ein Mehrprodukt, das sich das Kapital ohne Gegenleistung aneignet. Soweit die Kritik am allgemein bürgerlichen Bewusstsein.

Aber die ist unvollständig.

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Das allgemein bürgerliche Bewusstsein (2)

Martin am 26. Oktober 2016 um 10:49

Das allgemein bürgerliche Bewusstsein fußt einerseits auf die Tatsache, dass die Menschen ihre Arbeitskraft zu deren Wert verkaufen (können) und im Tausch Arbeitskraft gegen Lohn als freie Warenverkäufer auftreten.

Aber die Bedingung für den Schein der Gleichberechtigung gegenüber dem Kapital ist andererseits die Fremdheit der und von der eigenen Arbeit.

“(…) die lebendige Arbeit selbst erscheint als fremd gegenüber dem lebendigen Arbeitsvermögen” (Grundrisse 375)

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Tolstoi und das Wetter – eine Linie zum Realismus

Martin am 28. September 2016 um 10:41

Der Realismus nach 1848 ist jene Strömung innerhalb der Literatur, die auf die Romantik folgte und das Bewusstsein der Bourgeoise ohne Weltveränderungsauftrag widerspiegelt. Hier ist der Industrielle einfach er selbst, nach dem Geldverdienen folgt die Herzensbildung. Aber jede Periodisierung verkürzt die zahlreichen komplexen Bezüge. So fanden sich höchst geniale Vorläufer zum Realismus in der französischen Portraitmalerei des späten 18. Jahrhunderts. Und umgekehrt fokussiert sich der Realismus der 1860er Jahre … auf die russische Literatur!

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Das allgemein bürgerliche Bewusstsein (1)

Martin am 27. September 2016 um 10:57

Das bürgerliche Bewusstsein innerhalb der Arbeiterklasse ist keineswegs die Folge einer sinisteren Verschwörung oder der Allmacht der Medien a la George Orwells Brave New World. Das Bewusstsein ist Folge der kapitalistischen Produktionsweise und Produktionsverhältnissen. Indem die Arbeiter ihre Arbeitskraft verkaufen, treten sie als vorgeblich unabhängige Warenbesitzer auf dem Markt. Und da die Aneignung des von ihnen geschaffenen Mehrwerts auch stattfinden kann, wenn der Preis der Ware Arbeitskraft gerecht und richtig ist, also ihrem Wert entspricht, steht der Legitimität des Wertgesetzes im Bewusstsein aller Beteiligten nichts mehr im Wege.

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Vor 100 Jahren: Dubliner Osteraufstand

Martin am 26. September 2016 um 13:11
By Copyright © 2006 Kaihsu Tai (Copyright © 2006 Kaihsu Tai) [GFDL (http://www.gnu.org/copyleft/fdl.html), CC-BY-SA-3.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/) or CC BY-SA 2.5-2.0-1.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.5-2.0-1.0)], via Wikimedia Commons

links: Hauptpostamt Dublin, By Copyright © 2006 Kaihsu Tai (Copyright © 2006 Kaihsu Tai) [GFDL (http://www.gnu.org/copyleft/fdl.html), CC-BY-SA-3.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/) or CC BY-SA 2.5-2.0-1.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.5-2.0-1.0)

rechts: Hinrichtungsstätte – hier wurde James Connolly erschossen, https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Kilmainham_Gaol_-_place_of_execution.JPG

Vor ziemlich genau einem halben Jahr und einem ganzen Jahrhundert fand der Osteraufstand in Dublin, Irland, statt. Im Zentrum stand das Hauptpostamt von Dublin, in dem James Connolly von der Irish Citizen Army am Ostermontag sein Hauptquartier aufschlug und das bereits am Freitag, dem 5. Tag des Aufstands, von den Briten in Brand gebombt wurde. Connolly und so gut wie alle anderen Führer des Aufstandes wurden von den Briten einem geheimen Regierungsbefehl aus London folgend sofort erschossen. Der Aufstand wurde rasch niedergeschlagen, schuf aber die Grundlage von dem – für die Iren erfolgreichen – Unabhängigkeitskrieg 1919-1921.

Interessant ist nun, dass einige Vorgänge des sogenannten „Arabischen Frühlings“ an den Kampf der Iren um Selbstbestimmung erinnert:

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