Donnerstag 10. Mai 2012 von Martin
Es kostest fast physische Überwindung „geistiges Eigentum“ zu tippen, so gegensätzlich sind Geist und Eigentum an sich. Die aktuelle Debatte in Deutschland der professionellen Künstler gegen die Piraten und umgekehrt ist vielschichtig und hat zudem einen handfesten politischen Kontext: die Etablierung von ACTA. Abgesehen davon gehen die Wogen im Blätterwald hoch her. Schauen wir uns das einmal an:
„Das „Herumgetrampel“ darauf, „dass wir uncool seien, wenn wir darauf beharren, dass wir diese Werke geschaffen haben“, bedeute, „dass man uns ins Gesicht pinkelt und sagt: Euer Kram ist nichts wert, wir wollen das umsonst haben und scheißen drauf, was du willst“1, so ein Künstler.
„Altpräsident und Redenschreiber Roman Herzog hielt einen Eigentumsbegriff, der die „Leistungen des menschlichen Gehirns ausklammert“, für „erbärmlich“2, so ein Politiker.
„Dürrer: Das Recht der ausübenden Künstler werden wir nur schwer ausbauen können, aber zumindest bewahren. Es handelt sich um geistiges Eigentum. Aus, Schluss, basta!
Becker: Was bedeuten geistiges Eigentum, Urheberrechte oder Kopiermöglichkeiten in einem gesamtpolitischen Zusammenhang? Diese Debatte wird seit 20 Jahren international geführt. Der Zugang zu Kunst, Kultur und Bildung sollte durch das Internet leichter sein, das war das Versprechen, die Euphorie und Utopie der 90er-Jahre. Daraus wurde nichts, im Gegenteil, wenige große Player teilen sich den Kuchen und fordern Regeln zu ihren Gunsten. Manche Menschen glauben, dass Kunst und Kultur Waren sind, die man abpackt und ihren Preis durch künstliche Knappheit hinaufjagt. Aber in einer wirklich demokratischen Gesellschaft muss Kultur das Rohmittel für alle – und daher für alle frei zugänglich sein.“3 so in einer kontroversen Diskussion.
„Um diese beiden Punkte dreht sich auch einiges in der gegenwärtig heftig geführten Debatte um das Urheberrecht im Internet. So formierte sich zu Beginn des Jahres in Österreich die von zahlreichen Kunstschaffenden unterstützte Initiative “Kunst hat Recht”. Es sei zu leicht geworden, sich Kunst gratis aus dem Internet herunterzuladen, so die Initiatoren (u. a. Gerhard Ruiss, Karl-Markus Gauß, Mercedes Echerer, Harald Sicheritz, Willi Resetarits, Joesi Prokopetz). Und: Die zunehmende Gratiskultur im Internet führe dazu, dass wenige Kulturschaffende von ihrer Arbeit leben können. So verdienen österreichische Kulturschaffende gemäß einer Studie des Bundesministeriums für Unterricht, Kunst und Kultur durchschnittlich 4500 Euro pro Jahr. Mehr als die Hälfte muss mit weniger als 1000 Euro pro Monat auskommen.“4
Und so weiter und so fort, auf den recht verfassungsgläubigen Protestbrief der Krimi-Drehbuchautoren „Liebe Grüne, liebe Piraten, liebe Linke, liebe Netzgemeinde!„5 antwortete der Chaos Computer Club (CCC): „Liebe Tatort-Drehbuchschreiber, mit Freude nehmen wir – ganz kess als Vertreter der von Euch angeprangerten “Netzgemeinde” – Euer Interesse [1] an unseren Gedanken zu einer Versachlichung der Diskussion über Urheber- und Urheberverwertungsrechte im digitalen Zeitalter wahr. Bevor wir aber unnötig gleich zu Beginn Schubladen öffnen: Auch wir sind Urheber, sogar Berufsurheber, um genau zu sein. Wir sind Programmierer, Hacker, Gestalter, Musiker, Autoren von Büchern und Artikeln, bringen gar eigene Zeitungen, Blogs und Podcasts heraus. Wir sprechen also nicht nur mit Urhebern, wir sind selber welche. Es wird daher keinen “historischen Kompromiß” geben, denn es stehen sich nicht zwei Seiten gegenüber, jedenfalls nicht Urheber und Rezipienten, sondern allenfalls prädigitale Ignoranten mit Rechteverwertungsfetisch auf der einen Seite und Ihr und wir auf der anderen, die wir deren Verträge aufgezwungen bekommen. Das Tragische (im griechischen Sinne) ist doch, daß wir beide Opfer des Verwertungssystems sind. Ihr schuftet Euch seit Jahren für die Verwertungsindustrie ab und habt so viele Eurer Rechte weggegeben, daß weder Ihr noch Eure Nachfahren von der verlängerten Urheberrechtsschutzfrist etwas haben. Das ist bloß ein Verhandlungsmittel, mit dem Ihr zu reduzieren hofft, wie doll Euch die Verwertungsindustrie abzockt. Wir kämpfen eigentlich auf derselben Seite, aber Ihr merkt es nicht einmal. Bei uns ist das ganz ähnlich. Viel Software wird inzwischen gar nicht mehr für Profit geschrieben, sondern frei ins Netz gestellt oder als Selbstvermarkter-Shareware, weil den Autoren klar ist, daß sie nie einen müden Cent sehen werden für ihr Werk. Für Software gibt es keine Verwertungsgesellschaften, mangels historischen Präzedenzfalls. Wenn Ihr Euch mal umschaut, werdet Ihr sehen, daß auch kein einziger von uns Software-Autoren eine GEMA für Software fordert. Wir nehmen Euch nichts weg, das wir für uns fordern. Wir haben uns nur von der Idee verabschiedet, daß dieses Modell in zehn Jahren noch existieren wird. Software im kommerziellen Bereich entsteht im Allgemeinen als Werkvertrag oder unter Anstellung, und sämtliche Verwertungsrechte gehen an die Auftraggeber. Kommt Euch das bekannt vor? Nur daß bei uns niemand unsere Rechte zu vertreten versucht. Und wißt Ihr, welcher kreative Bereich stärker wächst und mehr Umsatz macht, Eurer oder unserer? Überraschung: Es stellt sich heraus, daß man auch ohne Verwertungsindustrie überleben kann. Anstatt Euch an den Konsumenten gütlich zu tun, solltet Ihr Eure Anstrengungen darauf konzentrieren, für Eure Werke direkt vom Auftraggeber ordentlich entlohnt zu werden. Was Ihr braucht ist eine den Namen verdienende, starke Gewerkschaft, kein Monster aus Verwertungsgesellschaften, die dann Youtube langjährig verklagen, weil sie kostenlos Werbung für Euch machen und Euch damit zukünftige Aufträge verschaffen. (…) Das von Euch als gottgegeben hingestellte sogenannte “geistige Eigentum” ist bei näherem Hinsehen eine Chimäre jüngeren Datums, gerne als unsachlicher Kampfbegriff angeführt, um gewisse grundsätzliche Diskussionen zu vermeiden. (…) Aber gerade diese Verwertungsgesellschaft, die Eure Tatort-Drehbücher entlohnt, ist das beste Beispiel, wie sich ein verselbständigter Wasserkopf mehr und mehr der eigentlich Euch zustehenden Anteile am ausgestrahlten Werk einverleibt. Hand hoch, wieviele von Euch sind festangestellt? Wieviele wurden in den letzten Jahren durch Vertragsveränderungen bei den Landesmedienanstalten auch noch der Zweitverwertungsrechte im Netz beraubt? Na, und wie fühlt sich der Blick in Eure Buy-Out-Verträge an, wenn Ihr ehrlich seid?“6
Da ist was dran. Umgangssprachlich wird unter geistigen Eigentum die personelle Quelle eines Werkes verstanden. Aber sicher: Ist dieses einmal auf der Welt, ist es auch für die Welt. Weshalb es einsperren, zurückhalten und limitieren.
Aber nicht umgangssprachlich bewegen wir uns in einem Konflikt der Warengesellschaft. Natürlich – sobald das Werk Warenform annimmt, gibt es auch einen Eigentümer. Einen Privateigentümer. In Produktionsverhältnissen ohne kapitalistischen Privateigentum wäre dies natürlich anders. Die Debatte müsste daher eigentlich heißen: Das Privateigentum an Kopfarbeitsprodukten. Erst die Aufhebung des Privateigentums zerreißt den Konflikt zwischen Kulturproduzenten und Konsumenten.
Die vom Computerclub angesprochene Lösung einer starken Gewerkschaft der Kulturschaffenden und Kreativen ist sicher eine nützliche Idee. Alleine, den Konflikt lösen kann sie nicht. Denn die korrekte Analogie ist nicht: Arbeiter gegenüber dem Besitzer von Produktionsmitteln. Die korrekte Analogie ist: Bauer, der seine mit eigenen Mitteln erzeugten Produkte einem Großabnehmer verkaufen muss, um davon überleben zu können. Die Bauern werden von den Agrargenossenschaften und Händlern ausgebeutet, sie können die Preise nicht bestimmen, sondern die Agrarabnehmer. Natürlich glaubt auch der Bauer, wenn das Brot für die Konsumenten teurer wäre, sehe auch er mehr Cent für sein Mehl …
Indes, dies scheitert an den realen Gegebenheiten.
Tweet This Post