Martin Walser wurde unlängst 90

Mittwoch 12. April 2017 von Martin

Martin Walser und die deutsche Nachkriegsliteratur

Die deutschsprachige Belletristik hatte ihre historischen Bezüge, die sie gleichsam als absoluten Nullpunkt nahm. Diese waren zuerst 1918, dann 1945, dann 1989. Die „deutsche Nachkriegsliteratur“ hatte ihren Bezugspunkt 1945; als Jahr Null sozusagen, nach der Katastrophe der Naziherrschaft, des Holocaust und des verlorenen Krieges. Nun konnte es nur noch anders vorwärts gehen. Die Bonner Republik entstand. An sich hatte die Bonner Republik einige Besonderheiten, wie den Verlust einer realen Hauptstadt – alle Großstädte der BRD waren mittlere Großstädte und bekamen Sitz irgendeiner Behörde, wie Karlsruhe zum Beispiel. Die Dezentralisation bekam eine einmalige historische Chance. Nach 1989 wendete sich der Bezugspunkt und nun stand bereits mehr die DDR als Unrechtsstaat im Fokus und die Moral der Belletristik diente eher dazu, Deutschland als „groß“ wieder normal sein zu lassen. Das zeigte sich deutlich bei der Forderung der Künstler nach der Beteiligung Deutschlands bei Kriegseinsätzen ab den 1990er Jahren. Doch das ist ein eigenes Thema und das Thema „deutsche Nachkriegsliteratur“ geht nicht von 1989, sondern von 1945 aus.

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About Schmidt

Donnerstag 2. März 2017 von Martin

„About Schmidt“ (2002, Regie: Alexander Payne) ist der vielleicht stärkste Film mit Jack Nicholson, wenngleich nicht jener, in der Jack Nicholson am stärksten als JN brillierte. Aber als Film ist „About Schmidt“ cineastische Weltliteratur nach einem Roman von Louis Begley und JN hat sich als Warren Schmidt optimal eingefügt. Schmidt geht als angesehener Versicherungsmathematiker einer großen Firma in Pension. Nunmehr als Rentner merkt Warren, dass er von der Firma bald vergessen sein wird – eigentlich die Widerlegung der Reden der Kollegen bei seiner Verabschiedungsfeier. Er verbringt jetzt mehr Zeit mit seiner Frau und merkt dabei, dass diese ihm eigentlich fremd geworden ist. Seine Frau stirbt unerwartet. Auch die Trauerfeier wird als Reigen der Konvention der Bekannten – es sind eigentlich keine Freunde – erlebbar. Dann kommt die Negation dieser Konstellation: Warren mit einem Wohnmobil auf, nun kommt eine Spur wenig typisch amerikanisches Roadmovie dazu. Immerhin versucht er sein Leben zu ändern, aus Gewohnheiten auszubrechen, er sucht Plätze der seiner eigenen Kindheit auf, und ins Museum. Er ist gegen die Hochzeit seiner einzigen Tochter und versucht dagegen zu intervenieren. Vergeblich. Warrens Neuaufstellung gelingt nicht, er bleibt im Ich zersplittert und kann sich selbst nicht leben, obwohl er Zeit und materielles Auskommen als Voraussetzung hätte. Ein ganzes Leben der Konvention gefügt – das lässt sich nicht einfach abschütteln. Die Negation scheitert zwar, führt aber nicht zu der Ausgangslage zurück, sondern zu einem Nebenweg, als er die Zeichnung eines Kindes aus Afrika erhält, das er seit seiner Pensionierung mit Geld unterstützt. Die vielen Briefe Warrens an Ndugu, die eigentlich eine Art Tagebuch des halbherzigen Kampfes gegen die eigene Entfremdung darstellten, konnte der Adressat gar nicht lesen. Aber das Blatt Papier aus Afrika zeigt ein Kind, das einen Erwachsenen die Hand gibt. Erst hier, in der Betroffenheit und Rührung über die Unmittelbarkeit und Voraussetzungslosigkeit des Kindes beginnt der Neuanfang von Warren Schmidt und hier endet folgerichtig der Film. Inhaltlich ist der neue Lebenssinn als Unterstützer eines Kindes in Tansania eine reformistische Sentimentalität, aber dass sich einfach ein neuer Nebenweg außerhalb der Disposition und dessen Negation auftut, ist eine richtige Lösung.

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Tolstoi und der Realismus in der Literatur

Samstag 4. Februar 2017 von Martin

Welche Bedeutung hat die Dualität der Erzählebenen bei Tolstoi? Wir haben einerseits die historisch reale Ebene, den Krieg, die Schlachten bei Borodino und an der Beresina, die Aufgabe Moskaus (zuerst auf Seiten Russlands, dann auf Seiten Frankreichs) und so weiter. Auf der anderen Seite haben wir die fiktive, epische Ebene: Drei Familien im Zentrum der Handlung, die Rostows, die Beschukows und dann die Pierres. Der Realismus als Richtung der Literaturgeschichte lebt ja nicht dadurch, dass alles realistisch geschildert wird oder echt nacherzählt wird im Sinne einer Akkuratesse. Der Realismus lebt davon, das private bürgerliche Leben als sinnvolle Geschichte zu erzählen. Er ist wie ein Spiegel, in dem der Kapitalist frühmorgens blickt und sich zufrieden sagt: Ja, das bin ich und es ist gut so. Fern ist die Zeit, in der sich die Bürgerlichen Rechenschaft über ihre reale Rolle in der Geschichte abzulegen versuchten – die Klassik – und nicht ganz so fern ist die Zeit, wo sie dies wieder bleiben ließen und stattdessen die Vergangenheit auf Verklärung ihres Jetzt heranzogen (die Romantik).

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Verunglückte Dialektik

Freitag 3. Februar 2017 von Martin

„Wer über den Faschismus spricht, darf über das EU-Konkurrenzregime nicht schweigen!“ – so die Friedenswerkstatt. Dieser Slogan lehnt sich an den alten an, der da lautet: „Wer über den Faschismus spricht, darf über den Kapitalismus nicht schweigen!“, ein Slogan, der Sinn machte, auf die Wurzeln des Faschismus im Kapitalismus hinzuweisen und den bürgerlichen Antifaschisten anzuregen, nicht beim halben Weg stehen zu bleiben.

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Kunst und das allgemein bürgerliches Bewusstsein (6)

Mittwoch 11. Januar 2017 von Martin

Für Produktionsweisen, die auf äußeren Zwang gegenüber den Produzenten, deren Mehrarbeit angeeignet werden soll, basieren, stellt sich die Frage des Bewusstseins der Produzenten anders als für Produktionsweisen, die nicht auf äußeren Zwang beruhen, wie eben der Kapitalismus oder der Sozialismus. In der Antike brauchte der Sklavenbesitzer sich nicht die Frage nach dem Bewusstsein seiner Sachen zu stellen, in dem europäischen und japanischen Mittelalter war das Bewusstsein bereits von größerer Bedeutung und das bildete den Stoff des Christentums bzw. des Buddhismus als moralische Assistenz gegenüber dem Waffenmonopol der Feudalherren. Das Bewusstsein der persönlichen Abhängigkeit und Unterordnung wurde durch die tatsächliche Unterordnung reproduziert, aber weit schwächer als die Reproduktion des Bewusstseins der Warengleichheit und Warenfreiheit im kapitalistischen Produktionsprozess.

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Entfremdung, positiv formuliert

Sonntag 8. Januar 2017 von Martin

Der Begriff “Entfremdung” ist überaus fruchtbar, weil geradezu intuitiv erfassbar. Aber wer etwas genauer hinsieht, wird bald merken, dass es leichter ist, etwas als “dem Menschen fremd” zu definieren, als das zu bestimmen, von was weg die Entfremdung losgeht. Was ist also nicht dem eigentlichen Menschen fremd?

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Die gute alte Zeit

Freitag 6. Januar 2017 von Martin

Wären die Menschen frei – nicht von der Gesellschaft, weil die Menschen ohne Gesellschaft nicht denkbar sind – sondern frei von ihrer geschichtlich geprägten Rolle (Stichwort: Produktionsverhältnisse), so fänden sie auch zu der zu ihnen gerade passenden Form, die heute Nostalgiker, Linke wie konservative Kulturkritiker so schmerzlich vermissen.

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Die Last der Klassik

Samstag 31. Dezember 2016 von Martin

Wenn Kunst in einer Warengesellschaft hergestellt wird, prägt diese die Form mit. Zumindest bis zu einem bestimmten Grade. Haben The Beatles Ende der 1960er Jahre ihre klassische Form längst erreicht, trennt sich die Formation. Yoko Ono fungierte hier bloß als Katalysator. Die Trennung ersparte die Peinlichkeit, die eine altgewordene Formation – wie etwa die der The Rolling Stones – zwangsläufig mit sich bringt. Aber die Trennung war auch deswegen gut möglich, weil die bislang hergestellten Kunst-Produkte finanziell genug einbrachten. Dennoch ist hier der Künstler von seiner sozialen Stellung her Kleinbürger. Anders die Stellung von Matt Groening und den anderen Machern der Kultserie Die Simpsons. Sie sind weit mehr Angestellte der Industrie, in diesem Fall von Fox. Und deswegen können sie leider nicht Schluss machen, auch wenn der Zenit der Folge bereits längst überschritten ist. Hier ist gerade der große Erfolg als Ware das Hindernis für weitere Qualität als Kunst.

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Vor 200 Jahren

Sonntag 18. Dezember 2016 von Martin

Vor 200 Jahren, also 1816, komponierte Beethoven die Nr. 28 seiner Klaviersonaten. Dieses Opus 101 markiert den Beginn des Spätwerks Beethovens. Das Spätwerk Beethovens gab der Musik- und Kulturgeschichte Rätsel auf, denn außer der darin zum Trage kommenden Verinnerlichung verbindet dieser Werkabschnitt nichts mit der auf die Klassik folgenden Romantik. Die Verinnerlichung der Romantik ist indes bereits selbst Form und als Inhalt nur eine Anekdote. Bei dem nun taub werdenden Meister ist die Verinnerlichung nicht Anekdote, nicht Augenzwinkern, nicht Subtext, sondern Haltung, die zum Ausdruck kommt.

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Das allgemein bürgerliche Bewusstsein (5)

Samstag 3. Dezember 2016 von Martin

Der Austausch zwischen Ware Arbeitskraft und vergegenständlichter Arbeit (hier in Form von Lohn):

„Das lebendige Arbeitsvermögen gehört sich selbst an und disponiert durch den Austausch über seine eigne Kraftäußerung. Beide Seiten stehn sich als Personen gegenüber. Formell ist ihr Verhältnis das gleiche und freie von Austauschenden überhaupt. Daß diese Form Schein ist und täuschender Schein, erscheint, soweit das juristische Verhältnis betrachtet wird, als außerhalb desselben fallend.“ (Grundrisse, 377)

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Das allgemein bürgerliche Bewusstsein (4)

Donnerstag 1. Dezember 2016 von Martin

Das Bewusstsein ist nicht bloß eine Illusion, sondern basiert auf den realen Produktionsverhältnissen:

“Die wesentlichen Bedingungen sind in dem Verhältnis, wie es ursprünglich erscheint, selbst gesetzt: 1. auf der einen Seite das Vorhandensein des lebendigen Arbeitsvermögens als bloß subjektiver Existenz, getrennt von den Momenten seiner objektiven Wirklichkeit;

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Das allgemein bürgerliche Bewusstsein (3)

Dienstag 29. November 2016 von Martin

Das allgemeine bürgerliche Bewusstsein basiert auf dem Produktionsverhältnis, nicht auf der Produktionsweise; auf den Austauschprozess, nicht auf den Produktionsprozess. So ungefähr, grob gesprochen. Zuerst scheint es auf gleicher Augenhöhe zuzugehen: Das Kapital zahlt den Lohn, der Lohn ist der Preis der Ware Arbeitskraft. Zwei Vertragspartner, miteinander ins Geschäft kommen. Dem entspricht das allgemein bürgerliche Bewusstsein.

Freilich, wir wissen: Auch wenn der Lohn dem Wert der Ware Arbeitskraft entspricht, der Arbeiter also nicht geprellt wird, ausgebeutet wird er dennoch, da er mehr arbeitet, als die Reproduktion seiner eigenen Arbeitskraft. Er schafft ein Mehrprodukt, das sich das Kapital ohne Gegenleistung aneignet. Soweit die Kritik am allgemein bürgerlichen Bewusstsein.

Aber die ist unvollständig.

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Das allgemein bürgerliche Bewusstsein (2)

Mittwoch 26. Oktober 2016 von Martin

Das allgemein bürgerliche Bewusstsein fußt einerseits auf die Tatsache, dass die Menschen ihre Arbeitskraft zu deren Wert verkaufen (können) und im Tausch Arbeitskraft gegen Lohn als freie Warenverkäufer auftreten.

Aber die Bedingung für den Schein der Gleichberechtigung gegenüber dem Kapital ist andererseits die Fremdheit der und von der eigenen Arbeit.

“(…) die lebendige Arbeit selbst erscheint als fremd gegenüber dem lebendigen Arbeitsvermögen” (Grundrisse 375)

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Tolstoi und das Wetter – eine Linie zum Realismus

Mittwoch 28. September 2016 von Martin

Der Realismus nach 1848 ist jene Strömung innerhalb der Literatur, die auf die Romantik folgte und das Bewusstsein der Bourgeoise ohne Weltveränderungsauftrag widerspiegelt. Hier ist der Industrielle einfach er selbst, nach dem Geldverdienen folgt die Herzensbildung. Aber jede Periodisierung verkürzt die zahlreichen komplexen Bezüge. So fanden sich höchst geniale Vorläufer zum Realismus in der französischen Portraitmalerei des späten 18. Jahrhunderts. Und umgekehrt fokussiert sich der Realismus der 1860er Jahre … auf die russische Literatur!

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Das allgemein bürgerliche Bewusstsein (1)

Dienstag 27. September 2016 von Martin

Das bürgerliche Bewusstsein innerhalb der Arbeiterklasse ist keineswegs die Folge einer sinisteren Verschwörung oder der Allmacht der Medien a la George Orwells Brave New World. Das Bewusstsein ist Folge der kapitalistischen Produktionsweise und Produktionsverhältnissen. Indem die Arbeiter ihre Arbeitskraft verkaufen, treten sie als vorgeblich unabhängige Warenbesitzer auf dem Markt. Und da die Aneignung des von ihnen geschaffenen Mehrwerts auch stattfinden kann, wenn der Preis der Ware Arbeitskraft gerecht und richtig ist, also ihrem Wert entspricht, steht der Legitimität des Wertgesetzes im Bewusstsein aller Beteiligten nichts mehr im Wege.

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Vor 100 Jahren: Dubliner Osteraufstand

Montag 26. September 2016 von Martin

By Copyright © 2006 Kaihsu Tai (Copyright © 2006 Kaihsu Tai) [GFDL (http://www.gnu.org/copyleft/fdl.html), CC-BY-SA-3.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/) or CC BY-SA 2.5-2.0-1.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.5-2.0-1.0)], via Wikimedia Commons

links: Hauptpostamt Dublin, By Copyright © 2006 Kaihsu Tai (Copyright © 2006 Kaihsu Tai) [GFDL (http://www.gnu.org/copyleft/fdl.html), CC-BY-SA-3.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/) or CC BY-SA 2.5-2.0-1.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.5-2.0-1.0)

rechts: Hinrichtungsstätte – hier wurde James Connolly erschossen, https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Kilmainham_Gaol_-_place_of_execution.JPG

Vor ziemlich genau einem halben Jahr und einem ganzen Jahrhundert fand der Osteraufstand in Dublin, Irland, statt. Im Zentrum stand das Hauptpostamt von Dublin, in dem James Connolly von der Irish Citizen Army am Ostermontag sein Hauptquartier aufschlug und das bereits am Freitag, dem 5. Tag des Aufstands, von den Briten in Brand gebombt wurde. Connolly und so gut wie alle anderen Führer des Aufstandes wurden von den Briten einem geheimen Regierungsbefehl aus London folgend sofort erschossen. Der Aufstand wurde rasch niedergeschlagen, schuf aber die Grundlage von dem – für die Iren erfolgreichen – Unabhängigkeitskrieg 1919-1921.

Interessant ist nun, dass einige Vorgänge des sogenannten „Arabischen Frühlings“ an den Kampf der Iren um Selbstbestimmung erinnert:

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Heinrich Heines Haie

Freitag 9. September 2016 von Martin

Heinrich Heine (1797-1856) repräsentiert wohl das Modernste, was Deutschlands Dichterzunft im gesamten 19. Jahrhundert hervorbracht hat. Ja, Heine nahm in der Belletristik einiges des 20. Jahrhunderts, vor allem der Periode nach 1945, vorweg. In dieser Periode geht die Belletristik – der hohen Literatur wie auch der besseren Massenware – so: Zuerst wird der Leser / die Leserin in eine eigene Welt entführt, die zwar neu und singulär ist, aber nach einer Schreibtechnik und Plot-Dramaturgie, die zu der Bestätigung führt: Ja, ich verstehe, wie ich hier sachte in die Handlung und in die fiktive Welt geführt werde. Hier ist der Romancier gefragt bzw. die Kompetenz des Romaciers. Kaum hat es sich der Leser / die Leserin gedanklich in der fiktiven Welt zurechtgefunden und wohlig eingelebt … kommt die Entfremdung, eine Wendung, die den Leser / die Leserin wieder aufrüttelt, ja sogar erschüttert, Fragen statt Antworten provoziert. Als dritten Teil dieser Dramaturgie kann der Autor / die Autorin nun eine Antwort nahelegen oder auch nicht. Aber das ist bereits beliebig – wichtig sind die beiden vorhergehenden Schritte und nach diesem Muster wurde nach 1945 Dutzendware produziert.

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Privatheit und Individuum in der Kunst

Dienstag 9. August 2016 von Martin

Die Betrachtung der Kunst als gesellschaftliches bzw. historisches Phänomen spaltet sich auf in das Thema Kunstproduktion und Kunstkonsumtion. Beide Prozesse können auseinanderfallen. Als das junge Bürgertum im 19. Jahrhundert sich der antiken Kunst zuwandte, die Nationalmuseen entstanden und mit Raubgütern aus dem Mittelmeerraum gefüllt wurden, entdeckte es in und durch die Kunst seine Individualität. Die Kunst rührte somit an dem Privatsein. Der Konsument des bürgerlichen Zeitalters ist überhaupt nur als Privatperson denkbar, auch wenn die Konsumtion in einer Masse, wie etwa bei einem Konzert, stattfindet. In diesem Fall handelt es sich um eine abgesprochene Allianz unzähliger Privatpersonen. Aber die alte und selbst die mittelalterliche Kunst entstanden überhaupt nicht aus der Hand von Privatpersonen, höchstens von Individuen, meist organisiert in Gilden („Werkstätten“). Die Privatheit ist ja überhaupt erst das Produkt der Warengesellschaft, respektive des Lohnarbeitsverhältnis. Erst hier treten Kapital und Arbeiter unpersönlich gegenüber, sie verhandeln am Markt den Preis der Ware Arbeitskraft aus. Auch wenn im Produktionsprozess sich die Arbeiter dem Kapital völlig unterordnen müssen und es mit der Freiheit des Warenbesitzes vorbei ist, so ist der Arbeiter mit Dienstende vorübergehend befreit von der Beziehung zum Arbeitgeber – jetzt ist er „privat“. Und wechselt er seinen Arbeitgeber, ist er zwar noch immer Teil seiner Klasse, tritt aber doch wieder in der Rolle der Privatperson auf, die etwas zu verkaufen hat – ihre Arbeitskraft.

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Wallanders blaße Erben

Samstag 16. Juli 2016 von Martin

Sommer- und Urlaubszeit ist auch immer Krimizeit. Mankells Wallander hatte in den 1990er Jahren der Figur des Kriminalbeamten eine neue Qualität verschafft: Er wurde menschlich. Seit Wallander hat jeder Kommissar und jeder Inspektor, der etwas auf sich hält, ein zeitgemäß kaputtes Familienleben: erwachsene Kinder, die vom rechten Pfad abgekommen sind oder zumindest die Ruinen eines Familie, die den Kriminalbemamten beschäftigen und die dieser zu einer Sinnkrise nützt. Der rationale deus ex machina der Polizei wurde in Skandinavien dreidimensional – sogar plastischer als Peter Falks Columbo aus Los Angeles. Der neue Kriminaler macht Fehler, zweifelt, ist unsicher, tastet sich vor, hat keinen Masterplan. Und: Er ist von seinem Team abhängig, auch wenn er als Persönlichkeit wie bisher ein Eigenbrödler ist: Ohne Team geht nichts, auch das ist in der Krimiszene eine Errungenschaft. Weder Maigret noch Derrick hatten mit diesen heutzutage realistischen Umständen zu kämpfen.

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Leon Trotzki und die Dialektik des Bewusstseins

Sonntag 1. Mai 2016 von Martin

Die spezifische Qualität von Trotzkis Herangehensweise bestand darin, dass dieser die Entwicklung des Klassenbewusstseins nicht als einen mechanischen Vorgang des „Hineintragens“ von „sozialistischen Bewusstsein“ in die Arbeiterklasse verstand. Denn mit dieser einseitigen Vorstellung erhebt sich sofort die Frage, wer denn hineinträgt und wie viel dabei beim Tragen verschüttet wird. Lenins Buch „Was tun?“ war in Wirklichkeit eine Polemik gegen den Ökonomismus und nicht etwas, was vermeintliche Nachfolger Lenins ein Hundert Jahre lang als Blaupause mit Erfolg verwenden konnten.

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